Altarverhüllung in der Paul-Gerhardt-Kirche

Ein Kunstprojekt der Evangelischen Kirchengemeinde Prenzlauer Berg
Kuratiert durch Sabine Herrmann, Klaus Killisch und Markus Rheinfurth

Passionszeit

In den 40 Tagen vor Ostern, von Aschermittwoch bis Karsamstag, wird in den christlichen Kirchen an den Leidensweg Jesu Christi gedacht, wie er in den Evangelien wird dargestellt ist. Die Passionsgeschichte umfasst den Todesbeschluss der Gegner Jesu, die Einsetzung des Abendmahls, den Verrat des Judas und seine Enttarnung, das Gerichtsverfahren vor Pontius Pilatus, die Leugnung des Petrus, Jesus zu kennen, die Verurteilung Jesu, seine Kreuzigung, seinen Tod sowie seine Grablegung. Die Passionserzählung ist keine Heldengeschichte, denn der Tod am Kreuz wurde als Scheitern verstanden. Um so befreiender wirkt die Auferweckung Jesu von den Toten durch Gott am Ostersonntag.

Altarraum in der Paul-Gerhardt-Kirche

Den Kirchenraum der im Jahre 1910 fertiggestellten Paul-Gerhardt-Kirche in Berlin-Prenzlauer Berg beherrscht das große Altarbild von Gerard Noack. Bauzeitlich umrahmt von der mit allegorisch stilisierten Bildern des Paradieses vollständig ausgemalten Rückwand des Chores ist das Bild des auferstandenen Christus im „Spätnazarener“- Stil Ausdruck des ästhetischen Zeitgeistes Anfang des 20. Jh.. Während sich auf Altären der Gotik und Frührenaissance die Kreuzigung Christi oft in einen Zyklus von Leidensbildern einfügt, wird auf Berliner Altären zur Zeit

des Berliner Kirchbauvereins auf die Darstellung der Kreuzigung vorausgehender Leidensszenen verzichtet. Vielmehr waren die Autoren darauf bedacht, mit dem erhöhten, auferstandenen Christus dem gekreuzigten Heiland einen deutlichen Gegensatz an die Seite zu stellen. Das Altarbild in der Paul-Gerhardt-Kirche geht darüber hinaus. Die überdimensionale und alleinige Darstellung des Auferstanden inmitten des als paradiesischen Garten mit Engelsfiguren gestalteten Chores ist Ausdruck für einen sentimentalen und verklärenden Blick in den letzten Jahren vor dem Ersten Weltkrieg. Theologisch lässt sich der auferstandenen Christus vor der paradiesischen Landschaft als eschatologisches Motiv verstehen. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges war die Darstellung umstritten. In der von materieller Not gekennzeichneten Nachkriegszeit wurden in vielen Kirchen derartige Altarbilder entfernt. In der Paul-Gerhard-Kirche blieb es trotz vieler Diskussionen erhalten. In den 1990er Jahren wurde es restauratorisch überarbeitet. Heute ist es eines der wenigen bauzeitlichen Kunstwerke in der Kirche. Die umgebende Ausmalung des Chores ist der Umgestaltung des Kircheninnenraumes 1959/60 aus Anlass der 50-jährigen Kirchweihe zum Opfer gefallen.

Das Kunstprojekt: Altarverhüllung

In der Passionszeit gibt es zwischen dem thematischen Inhalt der Sonntage mit dem Leidensweg Jesu und der überschwänglichen Darstellung des auferstandenen Christus auf dem Altarbild in der Paul-Gerhardt-Kirche einen inhaltlichen Wiederspruch. Das Altarbild nimmt die Freude der Auferstehung zu Ostern bereits voraus und schwächt damit die Passionszeit. Dies wird umso mehr deutlich, je näher der Tag der Kreuzigung und des Todes Jesu am Karfreitag rückt.

Ziel des Kunstprojektes war es, in der Tradition der Passions- bzw. Fastentücher das bauzeitliche Altarbild in der Paul-Gerhardt-Kirche für die Dauer der Passionszeit teilweise oder vollständig mit einem eigens dafür angefertigten Kunstwerk eines zeitgenössischen Künstlers abzudecken.

Die Idee der Altarverhüllung entstand im 100. Jahr des Bestehens der Paul-Gerhardt-Kirche 2010 zusammen mit der damaligen Pfarrerin Uta Fey und wurde erstmalig 2011 durchgeführt. Die folgenden Künstler konnten für jeweils eine Altarbildverhüllung gewonnen werden:

2011 Sabine Herrmann
2012 Michael Morgner
2013 Felix Droese
2014 Katharina Grosse
2015 Thomas Florschuetz
2016 Hannah Dougherty
2017 Günther Uecker
2018 Lothar Böhme
2019 Ursula Sax
2020 Klaus Killisch

Mit der Altarverhüllung in der Passionszeit 2020 fand die Reihe der Altarverhüllungen in der Paul-Gerhardt-Kirche einen vorläufigen Abschluss. Das Kunstprojekt konnte durch Unterstützung verschiedener Fördermittelgeber in dem Buch PASSION umfassend dokumentiert werden.

Das Kunstprojekt wurde durch Sabine Herrmann, Klaus Killisch und Markus Rheinfurth ehrenamtlich kuratiert und in enger Abstimmung mit der Evangelischen Kirchengemeinde Prenzlauer Berg Nord organisiert. Alle beteiligten Künstler haben ihre Arbeiten ohne Honorar ausgeführt.

Jede Altarverhüllung wurde mit einer feierlichen Veranstaltung am Freitag nach Aschermittwoch eröffnet und durch den öffentlich sichtbaren Abbau zu Beginn des Ostergottesdienstes beendet. Im Zeitraum der jeweiligen Altarverhüllung wurden verschiedene Begleitveranstaltungen wie Künstlergespräche, Lesungen und Konzerte angeboten. Auch haben die Pfarrerinnen und Pfarrer immer wieder Anknüpfungspunkte zu der jeweiligen künstlerischen Intervention in ihre Predigten an den Passionssonntagen einfließen lassen. Während der Passionszeit wurde die Paul-Gerhardt-Kirche aufgrund des Kunstprojektes regelmäßig für Besucher offen gehalten.

Das Kunstprojekt der Altarverhüllung erfuhr regelmäßig Beachtung in den regionalen und überregionalen Zeitungen und Zeitschriften. Es wurde in Sendungen im Kulturradio des RBB mehrfach besprochen und auch kurze Ausschnitte im RBB-Fernsehen gesendet.

Markus Rheinfurth

Gerhard Noack, Altarbild der Paul-Gerhardt-Kirche, 1910