16. Februar – 31. März 2018

Was tun wir hier heute? Wir eröffnen die nun schon achte Verhüllung des Altarbildes dieser Kirche. Für die kommenden Wochen der Passionszeit wird nun das Verhüllungsbild von Lothar Boehme hier alle Blicke auf sich ziehen. Doch was hat das zu bedeuten? Als ich mich gedanklich auf den Weg zu diesem Abend machte, kam mir ein Vergleich in den Sinn – ein Vergleich, bei dem man ziemlich hoch ins Bücherregal greifen muss. Aber das ist angemessen. Ich möchte das, was hier heute tun, in Beziehung zu einem Klassiker der deutschen Literatur setzen. Ein Klassiker ist bekanntlich ein Buch, dessen Titel viele noch kennen, das aber kaum jemand gelesen hat. Ich gebe zu, dass auch ich diesen Klassiker nicht ganz gelesen habe – er soll, im Vertrauen gesagt, auch ziemlich langweilig sein. Aber es gibt darin eine Szene, die habe ich schon gelesen und sie kann uns auf doppelte Weise die Augen für die heutige Altarverhüllung öffnen.

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In „Wilhelm Meisters Wanderjahre“ lässt Johann Wolfgang von Goethe seinen Helden gemeinsam mit dessen Sohn Felix die „pädagogische Provinz“ besuchen, ein idealisiertes Reforminternat. Das erste, was den beiden auffällt, ist, dass die Schüler sie mit geheimnisvollen Gebärden begrüßen. Einige kreuzen die Arme über der Brust und wenden den Blick nach oben. Andere falten die Hände hinter dem Rücken und richten den Blick nach unten. Die dritten stellen sich nebeneinander, lassen die Arme fallen und schauen nach rechts zum Mitschüler. Ein Lehrer tritt dazu und klärt Wilhelm und Felix Meister auf. Der dreifache Gruß stehe für eine dreifache Ehrfurcht. Die erste Gebärde stelle die Ehrfurcht vor dem dar, was über uns ist: Gott und seine irdischen Statthalter. Die zweite Gebärde symbolisiere die Ehrfurcht vor dem, was unter uns ist: die Erde und alles, was sie bereithalte. Die dritte Gebärde stehe für die Ehrfurcht vor dem, was uns gleich ist: die Mitmenschen. In diesen drei Gebärden und dieser dreifachen Ehrfurcht erfüllt sich das Ideal einer höheren Humanität.

Daran musste ich denken, als ich das erste Mal das Verhüllungsbild von Lothar Boehme sah: Was für eine Gebärde ist das? Und äußert sich in ihr eine Art von Ehrfurcht? Und wenn – wovor? Vor dem, was über, unter oder neben uns ist? Was für ein Gruß ist das? Doch wichtiger ist mir noch eine andere Verbindung.

Nach der dreifach-ehrfürchtigen Begrüßung lässt sich Wilhelm Meister durch die „pädagogische Provinz“ in eine Gemäldegalerie führen. Dort hängen zwei große Gruppen von Bildern. Die erste zeigt die Ehrfurcht vor dem, was über uns ist. Es sind Bilder aus der Glaubensgeschichte des Alten Israel. Die zweite Gruppe zeigt die Ehrfurcht vor dem, was uns gleich ist. Es sind Bilder über das Leben und die Lehre Jesu. Aber es gibt noch eine dritte Gruppe. Sie soll die Ehrfurcht vor dem zeigen, was unter ist. Es sind Bilder über das Leiden und den Tod Jesu. Sie versuchen, „auch Niedrigkeit und Armut, Spott und Verachtung, Schmach und Elend, Leiden und Tod als göttlich anzuerkennen, ja Sünde selbst und Verbrechen nicht als Hindernisse, sondern als Fördernisse des Heiligen zu verehren und liebzugewinnen“. Doch das Inbild hierfür – Christus am Kreuz – wird in der Galerie der „pädagogischen Provinz“ seltsamerweise nicht ausgestellt. Warum nicht?

Wilhelm und Felix Meister wird es so erklärt: „Jene letzte Religion, die aus der Ehrfurcht vor dem, was unter uns ist, entspringt, jene Verehrung des Widerwärtigen, Verhassten, Fliehenswerten geben wir einem jeden <Schüler> nur ausstattungsweise in die Welt mit.“ Nicht, dass man sie künstlich verbergen würde, „aber wir ziehen einen Schleier über diese Leiden, eben weil wir sie so hoch verehren. Wir halten es für eine verdammungswürdige Frechheit, jenes Martergerüst und den daran leidenden Heiligen dem Anblick der Sonne auszusetzen, die ihr Angesicht verbarg, als eine ruchlose Welt ihr dies Schauspiel aufdrang, mit diesen tiefen Geheimnissen, in welchen die göttliche Tiefe des Leidens verborgen liegt, zu spielen, zu tändeln, zu verzieren und nicht eher zu ruhen, bis das Würdigste gemein und abgeschmackt erscheint.“ Aus Ehrfurcht also vor der Ehrfurcht vor dem, was unter uns ist, verhüllen die Lehrer der „pädagogischen Provinz“ in ihrer Gemäldegalerie die Bilder von der Kreuzigung. Sie tun dies nicht aus Antichristlichkeit, sondern aus Pietät.

Aber wir tun hier und heute das gerade Gegenteil. Wir verhüllen nicht ein Bild des Leidens und Sterbens, sondern ein Bild der Seligkeit und des Lichts, nicht den Gekreuzigten verhüllen wir, sondern den Auferstandenen. Dafür gibt es einen guten Grund: In den Wochen bis zum Karfreitag ist es an der Zeit, die andere Seite unseres Lebens und Glaubens zu betrachten, die allzu oft vergessen und verdrängt wird. Wir ziehen also den Schleier der vornehmen Diskretion zur Seite. Mehr noch, wir hängen ein anderes Bild auf. Was für ein Bild ist das, was zeigt es uns, wie begrüßt es uns, welche Art von Ehrfurcht kann man in diesem Bild finden? Wem haben wir dieses Verhüllungs-, nein, dieses Enthüllungsbild zu verdanken?

Lothar Boehme hat dieses Bild geschaffen. Es ist sein erstes Bild in einer und für eine Kirche. Sein achtzigstes Lebensjahr beginnt damit, dass er zum ersten Mal ein Werk in einer Kirche ausstellt. Manchmal muss man länger warten…

Lothar Boehme ist in dieser Stadt kein Unbekannter. 1938 wurde er hier geboren. Hier verbrachte er Kindheit und Jugend, begann er sein Studium. Das besondere Schicksal dieser Stadt bestimmte auch sein Leben: Der Mauerbau durchkreuzte viele seiner Pläne. Doch ließ er sich nicht davon abhalten, seiner Bestimmung zu folgen. Er malte, stellte aus, sammelte junge Künstler um sich, lehrte und inspirierte sie. Und damit hat er nicht aufgehört.

Sein jüngstes Werk hängt nun vor uns. Was sehen wir? Der erste Blick zeigt uns eine Frau. Obwohl, ist diese Geschlechtsangabe so wichtig? Zeigt dieses Bild nicht einfach eine Figur, eine Gestalt, die wohl weibliche Züge trägt, aber doch vor allem ein Mensch und ein Körper ist. Was für ein Körper? Ein leidender, wie es für ein Passionsbild nahe läge? Dunkel ist diese Gestalt, schwarz und streng, aber auch farbig durchglüht, mit einer Wärme, die aus der Tiefe des Bildes kommt. Sie strahlt Stärke aus, ist konzentriert und gefestigt, hat eine durchgeformte Form, steht aufrecht, wirkt fast wie gepanzert, auf jeden Fall souverän, ja irgendwie auch erotisch souverän. Dies ist keine Schmerzensfrau, eher eine Kriegerin mit dem helmartigen Schädel und den röhrenartigen Gliedern, ihrer schwarzen Aureole. Doch da sehe ich vielleicht zu viel in diese Gestalt hinein. Wichtiger ist etwas anderes: die seltsame Spannung dieser Gestalt zwischen dem Heute und dem Damals, zwischen der Moderne und dem Archaischen. Sie ist unverkennbar die Kreation eines zeitgenössischen Künstlers und verweist doch weit zurück auf eine uralte Geschichte: nach Mykene, auf mythologische Figuren der Antike und – so wie sie hier hängt – auf Darstellungen des Gekreuzigten.

Die Gestalt ist keine Einzelgängerin. Wer die Chance hatte, sich mit dem Lebenswerk von Lothar Boehme zu befassen, wer sogar das Glück hatte, sein Atelier unter einem hohen Dach in Pankow zu besuchen, weiß, dass diese aufrechte Frau in einer langen Reihe steht. Lothar Boehme arbeitet seriell, aber das klingt zu technisch und strategisch. Es ist eher so, dass er in großer Konsequenz seit fast vierzig Jahren einer künstlerischen Linie folgt, eine malerische Herausforderung in immer neuen Anläufen bearbeitet. Er hat ein ästhetisches Lebensthema, dem er sich mit Hingabe, aber offenkundig auch mit Freude widmet. Es ist das Bild der Frau, der menschlichen Figur, der Akt. Ihn zu fassen und zu formen, ihn wieder und wieder zu formen und zu durchformen, zu variieren und dadurch zu verdichten, dabei den vorherigen Bildern zu folgen, aber auch dem Pinsel und der eigenen Hand – das ist sein Beruf. Mit diesem einen Bild hängt also das ganze Werk von Lothar Boehme, sein Mal-Biographie, an diesem Altar.

Ein eigensinniger Mensch muss dieser Künstler sein, der sich seine Freiheit dadurch bewahrt, dass er konsequent einer einzigen Aufgabe folgt. Er bleibt bei seiner von ihm selbst gewählten Sache. Damit verweigert er sich allerlei Heilslehren und ideologischen Nötigungen ebenso wie dem Innovations- und Abwechslungszwang unserer Gesellschaft. Lothar Boehme hat sich, wie er selbst sagt, einer „rabiaten Ideenarmut“ verschrieben, die doch ein stiller Reichtum ist. Das zeigt sich schon daran, dass seine Gestalten bei aller Abstraktion immer plastisch und lebendig bleiben, dass sie sich bei aller Durchformung eine innerliche Lebendigkeit bewahren, dass sie, wie Boheme sagt, durch die „Verknappung“ das Wesentliche sichtbar machen.

Was aber ist das Wesentliche? Vielleicht es einfach dies: der Körper und damit wir selbst, in unserer leiblich-geistigen Existenz, in allem, was wir haben und vermissen, darstellen und verbergen, genießen und erleiden, in unserer Lebendigkeit und Vergänglichkeit. Mir scheint in der Art, wie Lothar Boehme malt, etwas Meditatives zu liegen. Sie wirkt auf mich wie ein Exerzitium, wie ein existentielles Ritual, das in der formenden Wiederholung Ungesagtes und Ungeahntes sichtbar macht. Was macht sie sichtbar? Sie präsentiert kein Thema, keinen Inhalt, keine Botschaft, keine Geschichte, sondern sie gestaltet so etwas wie ein Urbild, einen Archetypus – und zwar so, dass bei mir ein Gefühl von Ehrfurcht wach wird, Ehrfurcht vor dem, was neben und unter uns ist.

Es ist in der Kunstgeschichte beliebt, ein Bild durch den Verweis auf viele andere Bilder zu erklären. So könnte man auch hier an Cezanne, Giacometti, Picassos oder Moore erinnern. Ob uns das weiterhilft? In meinem Arbeitszimmer zu Hause, wo ich diese Rede geschrieben habe, hängt über meinen Schreibtisch ein Gesicht von Jawlensky (leider kein ganz echtes). Es schaut mir beim Schreiben direkt auf die Hände, und ich schaue regelmäßig zu ihm auf. Auch Jawlenskys Gesicht ist ein Urbild, ein Archetypus, von großer meditativer Kraft, Strenge und Innerlichkeit. Ich sehe in ihm ein Urbild Christi, des Gekreuzigten und Auferstandenen. In Boehmes Akt sehe ich einen anderen, aber darauf bezogenen Archetypus, das Urbild unserer selbst, als Frau und Mann, als Körper und Seele. In diesem Sinne sind es wir selbst, die jetzt und in den kommenden Wochen an diesem Altar hängen und die das Christusbild verhüllen, um es in Wirklichkeit zu enthüllen.
Dr. Johann Hinrich Claussen, Kulturbeauftragter des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD)

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Eröffnung
16. Februar, 18 Uhr
Pfarrerin Jasmin el-Manhy

Einführung: Dr. Johann Hinrich Claussen, Kulturbeauftragter des Rates der EKD
Aufführung »Variationen für Orgel« von Dieter Schnebel u. a., Kantor Oliver Vogt, Orgel

25. März, 15 Uhr
STABAT MATER
Palestrina: Stabat mater, Bach: Konzert in a-moll für Violine und Orchester, Bach/Pergolesi: »Tilge Höchster, meine Sünden« nach dem »Stabat mater« von Pergolesi, Bach: Orgelchoräle aus dem »Orgelbüchlein«, Scarlatti: Stabat mater
European Bachensemble, Ensemble Callinus, Musikalische Leitung: Kim Nguyen

donnerstags, 18 Uhr
Andachten zur Altarverhüllung in der Passionszeit
Termine: 22. 02. / 01. 03. / 08. 03. / 15. 03. / 22. 03.
Die Andachten werden gestaltet von den Konfirmandinnen und Konfirmanden mit Pfarrerin El-Manhy & Pfarrer Kuske.

Presse: Berliner Zeitung