BIOGRAFIE / TEXTE / BIBLIOGRAFIE / KONTAKT / ENGLISH

2010, Christoph Tannert, "Von Narrenschiffern und anderen Utopisten"
2009, Prof. Dr. Brigitte Rieger-Jähner, "a long strange trip"
2009, Christoph Tannert, Eröffnungsrede "a long strange trip"
2007, Christoph Tannert, "Don't Look Back"
2005, Armin Hauer, Katalog "Arbeiten auf Papier"
2003, Christoph Tannert, Radio 3, RBB
2003, Gabriele Muschter, Eröffnungsrede
2001, Prof.Dr.Brigitte Rieger-Jähner, Katalog des Museum Junge Kunst Frankfurt O
2001, Nicole Heusinger, Eröffnungsrede
1999, Gisold Lammel, Katalogtext, Sammlung Seitz
1996, Ulrich Clewing, Katalogtext, Dogenhausgalerie
1993, Eugen Blume, Katalog, Klaus Killisch, Dresdner Bank
1988, Christoph Tannert, Katalog, Junge Künstler der DDR und Kubas

Christoph Tannert,
Katalog "Von Narrenschiffern und anderen Utopisten", 2010

Ein Interpret von Songs und Seelentexturen

In einem wesentlichen Werkkapitel bindet der Maler und Musiker Klaus Killisch private Geschichte über in Pop- und Weltgeschichte und wieder zurück; synchronisiert er den eigenen Künstler- und Familienalltag mit Rockmusik und Abstandsverhalten mit künstlerischer Psychogeografie. Er steckt das Terrain neu ab, auf dem seine Generation, die auch die meinige ist, künftig vermehrt  ihre Spurensuche betreiben wird – dort, wo es um das Zusammenwirken neuer Kulturindustrien (Fernsehen und Popmusik), Medien (die Distanz überbrückenden Techniken von Kameras und Mikrofonen) und um gesellschaftliche Dynamiken (Bürgerrechtsbewegungen und Generationenkonflikte) geht. Killisch präsentiert auf dieser Umlaufbahn hoch- und gegenkulturelle Komplexe, was es nicht nur erlaubt, Pop zu emanzipieren, sondern auch, in dessen Sprache Hochkultur zu bestätigen. Killisch ist ein Übersetzer, der kaleidoskophaft kulturelle Deutungen zu psychedelischen Mustern übereinanderlegen kann.

Wer mit Killisch auf seinem Bildertrip schwimmt, begegnet Big Brother & The Holding Company, Jefferson Airplane, Love, den Fugs und Velvet Underground, den Byrds und den Doors, The Greatful Dead, Bob Dylan, Pink Floyd und anderen Kultfiguren des Pop. In Ost-Berlin hießen diese Bands ein paar Jahre später Vai Hu, Freygang, Engerling und Zuma.

Wer genau hinschaut, entdeckt andererseits Killischs Bekenntnis zu Künstlern des 19. Jahrhunderts: zu Blake, Füssli und Moreau. Aber genauso zum Jugendstil und zur Cover Art, zu James Last und zu Woodstock. Mit seiner unlinearen Montage hält sich Killisch alle Türen offen.

Anfang der 70er konnte man Paisley-Muster auf Postern und in Heimarbeit genähten Klamotten in Polen finden. Der Stodoła-Club in Warschau und der Fekete-Club in Budapest wurden erschüttert vom halligen Klanggewaber völlig durchdrehender Gitarren, die nach dem Einmarsch der sowjetischen Panzer in Prag von ihren Musikern wie Maschinengewehre gehalten wurden. Das Ganze fühlt sich bei Klaus Killisch an wie eine Schauer über den Rücken jagende Improvisation oder Fantasie über das Thema „Tune in, Turn on, Drop out“, um eine Zauberformel Timothy Learys zu reaktivieren. Was im Westen die ruhelose Abfolge chemisch generierter Schlaf- und Wachphasen war, war im Osten eine tagelange Alkohol-Strecke, die es galt mit Bier und Wodka zu überwinden.

Killisch offeriert uns eine umfangreiche Datenmenge, die Reproduktion des eigenen Künstlerstudios als Schaffens- und Traum-Raum in Montagen, Collagen, Samplings. Denn von Anfang an flicht Killisch, Plattencover, Postermotive, Songtexte und Sounds in eigener, manchmal ziemlich eigenwilliger Zusammenstellung in den Lauftext eines Bildes bzw. eines Raumes ein, was seine eigene Perspektive illustriert, verdichtet und erklärt, zugleich auch all den zitierten Elementen eine Einordnung gibt, die man als Hörer, Betrachter und Pop-Kenner sonst nicht ohne weiteres nachvollziehen könnte. Solch ein Konzept ist sowohl fröhliche Kulturwissenschaft wie auch offensiv durchdrungene Malerei.

Klaus Killisch ist Klang- und Zeitgeistübersetzer, Interpret von Songs und Seelentexturen, einer, der nicht nur Hammond-Orgel, sondern mit der bildlichen und verbildlichenden Verstärkertechnik spielt, selbsterklärter Grenzdurchbrecher im Medium Malerei, alter Junge am Mischpult, mit keinem Sound zufrieden, Experimentator, einen Schritt voraus: Auf dem Weg zum Jazz mit Miles Davis, mit Czes?aw Niemen im Taufbecken ostkirchlicher Gregorianik, in Sessions mit den polnischen Star-Bands SBB, im symphonischen Kitsch auf Tour mit den Magyaren von OMEGA.

Dass Klaus Killisch sich heute auf diesem Level verortet und entfaltet, ist die Konsequenz aus diversen Suchbewegungen seit den 80er Jahren, mit denen er die einfachsten und die größten Gefühle zu erfassen sucht. Von seinen Ich-süchtigen, expressiven, farbstrotzenden Stadtbildern über den Kunst-Blumen-Romantizismus bis zur Flower-Power-Seligkeit war es immer nur ein kleiner Schritt auf der Emotionsskala.

Prof. Dr. Brigitte Rieger-Jähner, Direktorin Museum Junge Kunst Frankfurt (Oder)
Katalog "a long strange trip", 2009

Arbeiten von Klaus Killisch lernte ich 1989 in einer Ausstellung der Leipziger Galerie EIGEN ART kennen. Seither ist die Verbindung zu diesem Künstler nicht abgerissen, da seine Bilder, Blätter und Installationen mich immer wieder überraschen und die Neugier an der Auseinandersetzung mit dem Gezeigten wach zu halten verstehen.

Dieses anhaltende Interesse ist schon etwas Besonderes, scheint in der Kunstgeschichte doch nun wirklich alles in kaum noch zu übersehenden Variationsbreite gesagt. Von Killisch jedoch werde ich immer wieder eines Besseren belehrt, denn bei jedem Atelier- oder Ausstellungsbesuch muss ich erkennen, dass er etwas, zumindest für mich, Unverzichtbares und so noch nie Gesehenes dem Bisherigen hinzu zufügen hat. So verbinden sich spannende optische Sensationen bei ihm mit einem vielschichtigen Gestaltungsgehalt, wobei er auch auf mittelbare Verweise der Kunstgeschichte des 19. Jahrhunderts zurückgreift. Vielleicht sind es aber gerade diese eigenwilligen Dialoge unterschiedlicher temporaler Zeitebenen dieser spannenden Vergangenheit, verbunden mit den Strategien und Medien unserer Massengesellschaft in der Gegenwart, die seine Kunst so präsent im hier und heute angesiedelt erscheinen lässt.

Obwohl wir auch bei den Installationen, die Sie in dieser Präsentation sehen, veränderte Sicht- und Gestaltungsweisen des Künstlers kennen lernen können, bleibt Wesentliches von dem erhalten , was wir bereits 1987 konstatieren konnten. Um dies zu erkennen, möchte ich kurz auf zwei Werke aus unserem Besitz eingehen, die letztlich den Entstehungs- und Veränderungsprozess von einst und jetzt verdeutlichen sollen.

So gehörte der Maler bereits vor dem Zusammenbruch der DDR nicht zu denjenigen, die die Tristesse des Seienden zelebrierten, und sei sie auch noch so ästhetisch sensibel und gekonnt in Grau-, Braun- und Beige Variationen als Stilleben, Figur oder Interieur auf die Fläche gebannt. Seine Mentalität und die damit verbundene Sicht auf die Welt war und ist anders geartet. So nahm er z.B. in seinen „Raucherbildern“, von denen wir eine besonders gelungene Fassung von 1987 besitzen, das Klima und den Lebensrhythmus von Berlin in den Jahren nach 1989 vorweg und drückte so zugleich das ihm gemäße Zeitgefühl aus, das dem Leben in einer europäischen Metropole entspricht. Dekorativ einprägsame Emailleschilder der Zigarrenwerbung aus den 20iger Jahren, die für ein Massenpublikum geschaffen wurden und zum Kauf motivieren sollten, bildeten hier die Anregung für das farbintensive Bildnis eines dionysisch coolen Supermannes (1987), bei dem sich eine plakativ strenge Raumgestaltung verbunden mit einer expressiven Farbauffassung, die Balance halten sollten.

8 Jahre später entstand mit dem Bild „Schatten der Leidenschaft“ (1995), das wir 1996 erwarben, eine Arbeit, die der Beschleunigung unseres Lebensrhythmus mit ihren Möglichkeiten und Verwerfungen in eigenwilliger Weise Rechnung zu tragen verstand, was sich mit den Worten von Heinrich Klotz zusammenfassen lässt: “In dieser Stadt ist die Idylle fast unmöglich, auch weil die Menschen in einer Art nervöser Gereiztheit untereinander leben, die sie kaum zur Ruhe kommen lässt.“(1) Diese Aussage wird bei unserer großformatigen Bildcollage, in der Öl, Acryl, Kunstblumen und Neonröhren eine Symbiose miteinander eingehen, in besonderer Weise nachvollziehbar. So weiß der Künstler auch hier wieder mit traumwandlerischer Sicherheit die Balance bei der Doppelkodierung von Elitär und Populär, Alt und Neu zu halten und sie spannungsvoll miteinander zu verbinden. Aber auch Begriffe wie „Mythologisierung, Nostalgie, Punk, Ritualisierung, atmosphärische und detailgenaue Erzählfreude“(2), mit denen sich das vielgestaltige Bild der Postmoderne zusammenfassen lässt, bestimmen seine Arbeit, ebenso wie der Mythos von der Unvereinbarkeit der Geschlechter, der über Jahrhunderte hinweg in der Kunst thematisiert wurde. Doch letztlich fasziniert uns der gestalterische Dissonanzreichtum innerhalb seiner Arbeiten, der schnelle Wechsel von widerstrebenden Empfindungen, wie er durch den Kontrast von Malerei verbunden mit der schattenrisshaften Vereinfachung der Form mit ihrem gebrochenen Pathos, künstlichem Grabschmuck und dem technoid grellen Licht der Leuchtstoffröhren erzeugt wird.
Nach der Vergrößerung der Bildformate , der immer stärkeren Verdichtung des jeweiligen Grundgestus und den immer raumgreifenderen Collagierungen, die sich nicht selten mit grob gerasterten schwarz- weiß Kopien von fotografischen Bildern verbanden, war die Rauminstallation ein folgerichtiger Schritt. Dass es sich bei unserer Präsentation im Packhof um eine ehemalige mittelalterlichen Warenablage handelt, die nicht nur eine Vielzahl kleiner und relativ niedriger Räume mit zahlreichen Durchblicken besitzt, sondern zum Teil auch fachwerkbelassene Wänden hat, stellt auch für Killisch eine Herausforderung dar. Hinzu kommt, dass ich ihn bat, in diese Installation einen Auftrag unseres Museums aus dem Jahr 2007 einzufügen. Es handelt sich um 6 Malereien im Format 83x50cm, die in standardisierten leuchtkastenartigen Stahlrahmen ihren Platz gefunden haben. Die thematische Klammer der 6 Malereien lässt sich unter dem Thema „Pandora“ zusammenfassen. Mit Transparentfarbe und Serigrafie, beidseitig auf Plexiglas aufgetragen, sind die einzelnen Bilder scheinbar zusammenhanglos als Folge zusammenfügbar. Allein durch die Rasterung des Formats sowie durch die Intensität der leuchtend intensiven Farben scheinen sie in unheilvoller Weise aufeinander bezogen zu sein. Bereits der aus der griechischen Mythologie entnommene Titel weist auf das Unheil hin. So wurde die Pandora einerseits als zerstörerische Elementargewalt angesehen und anderseits zur weiblichen Urgewalt stilisiert. Zu beidem lässt sich ein Bezug zu Killischs Malereien herstellen. Darauf weisen sowohl die monströsen Haarberge auf einem nicht näher zu identifizierenden weiblichen Kopf ebenso hin wie schwarze Kreise von unterschiedlicher Größe, die die surreale Note des Bildes nach verstärken. Aber auch die gefährlich glänzenden und durch ihre Farbigkeit wiederum aberwitzig schön wirkenden Schrottteile in ihren deformierten Verkantungen stehen in spannungsvollem Gegensatz zu den ornamental psychedelischen zarten Formen aber auch Kopfumrissen und vervollständigen das brachiale und zugleich hintergründige Bild vom Chaos.

Bereits die ersten Ankäufe von 1987 bis hin zur Installation vom Januar 2009 würden den Titel unserer Präsentation „eine lange seltsame Reise“ rechtfertigen. Klaus Killisch erläutert diesen Titel und damit sein Wollen noch etwas differenzierter. Angeregt durch die Biografie der kalifornischen Rockband Grateful Dead wählte er für unsere Ausstellung in Frankfurt (Oder) den Titel: a long strange trip. So sei die Textzeile dem song ‘truckin‘ (erschienen 1970) entnommen und stehe als Metapher für ein ständiges Bewältigen und Auseinandersetzen mit Umbrüchen im eigenen Leben. Diese Musik liefe zur Zeit in seinem Atelier ständig und laut. Die LP „Anthem oft he sun“ träfe sich dabei wunderbar mit seinen Bildern. „Die Musik ist psychedelisch“, bekennt der Künstler „und in vielen Schichten collagiert. …Die Ausstellung a long strange trip variiert in den Räumen des Packhofes eine innere und äußere Reise ohne Ankunft. … In einem Raum der Ausstellung werde ich mein Atelier inszenieren…. Generell ist ein Atelier nicht nur der Produktionsort für Kunst, für die Künstler ist es auch der Ort an dem Musik gehört und gelesen wird und an dem Leute empfangen werden. Ich möchte deshalb diesen Ateliernachbau auch als Bühne für Veranstaltungen, die in Zusammenhang mit den Bildern der Ausstellung zu sehen sind, nutzen.“(3)
Doch was in den hoffentlich zahlreichen Veranstaltungen zu erwarten ist, deutet sich bereits bei unserer Installation an und wird so in der Ausstellung gleichsam vorweggenommen. Es ist das sich verzahnen bzw. dialogisch aufeinander reagieren von optischen wie akustischen und haptischen Formulierungen, die durch die Farbe, vor allem aber durch Rhythmen auf der jeweiligen Wand bzw. Bodenfläche in einem gestalterischen Sinnzusammenhang stehen. Einbezogen in diese Collagen ist eine klangintensive Malerei, die zum Teil mit schwarzen Schellackplatten, Covers oder Fotos bzw. Computerausdrucken collagiert wurde. Hinzu kommen über mehrere Wände reichende Bilder von opulenten glänzenden Haarsträhnen, die die Stärke von organoiden Rohren zu haben scheinen. stakkatohaft in verschiedenen Teilbereichen der Installationen sind unsere Glasbilder zum Thema „Pandora“ zu finden, die durch die Leuchtkraft des Lichts die jeweilige Einzelwand erneut strukturieren.

Eine komplexe Fülle von Assoziationen stellt sich beim Betrachten dieser eigenwilligen Installationen ein, aus der hierarchische Ordnungen des Abgebildeten ebenso ausgeschlossen wurden wie inhaltliche Festlegungen. Und gerade dadurch wird das ausgeprägte Formbewusstsein von Killisch noch deutlicher erkennbar. So ist dieses polyphone Geflecht formaler, ikonografischer aber auch historischer Querverweise nur einer von vielen Bestandteilen dieser großartigen visuellen Kommunikation, die eine geheimnisvolle und Fragen geradezu provozierende Verbindung zur Welt des 21. Jahrhunderts herstellt.

1 Heinrich Klotz: Die Neuen Wilden in Berlin, Stuttgart 1984, S. 9
2 Charles Jencks. Zit. Nach Stephan Schmidt- Wulffen: Spielregeln, Tendenzen der Gegenwartskunst, Köln 1987, S. 28
3 Klaus Killisch in einem Brief an die Autorin vom 14. Oktober 2008

Christoph Tannert
Eröffnungsrede zur Ausstellung "a long strange trip", 2009

Den offensiv schwingenden Titel dieser Ausstellung in Deutsch, Polnisch und Englisch verdanken wir Klaus Killisch, der ihn sich wieder von der amerikanischen Jam-Band GRATEFUL DEAD ausgeliehen hat. Es handelt sich um eine Zeile des Titels „Truckin’“ von der LP „American Beauty“ von 1971 – einem typischen Grateful Dead-Song, der sich auf das gegenkulturelle Klima eines Comics von Robert Crumb bezieht, schon damals mindestens 500x gespielt und wegen der Schluss-Zeile oft zitiert. „Truckin’“ handelt vom ständigen Unterwegssein der Band, vom Rumhängen und von Missstimmungen als Metapher für die permanenten Umbrüche und Stimmungswechsel im Leben. Die Amerikanische Kongress-Bibliothek hat diesen Song 1997 zum Teil des kulturellen Erbes erklärt.

Mit der Phrase „What a long, strange trip it's been“ bindet der Ost-Berliner Maler und Musiker Klaus Killisch private Geschichte über in Pop- und Weltgeschichte und wieder zurück; synchronisiert den eigenen Künstler- und Familienalltag mit Rockmusik und Abstandsverhalten mit künstlerischer Psychogeografie. Er steckt das Terrain neu ab, auf dem seine Generation, die auch die meinige ist, künftig vermehrt ihre Spurensuche betreiben wird – dort, wo es um das Zusammenwirken neuer Kulturindustrien (Fernsehen und Popmusik), Medien (die Distanz überbrückenden Techniken von Kameras und Mikrofonen) und gesellschaftliche Dynamiken (Bürgerrechtsbewegungen und Generationenkonflikte) geht. Killisch präsentiert auf dieser Umlaufbahn hoch- und gegenkulturelle Komplexe, was es nicht nur erlaubt, Pop zu emanzipieren, sondern auch, in dessen Sprache Hochkultur zu bestätigen.

Er ist ein Übersetzer, der kaleidoskophaft kulturelle Deutungen zu psychedelischen Mustern übereinanderlegen kann.
In sechs Räumen, unter Verwendung von Bildern, Zeichnungen, Leuchtkästen, Tapeten und Boden-Installationen (alles 2008 erarbeitet), sprengt Killisch den engen Erfahrungshorizont und lässt die Strudel kultureller Inkompatibilitäten hereinfluten.
Die Bündelung der Gegenkräfte fügt das Plakat zur Ausstellung auf gelungene Weise zusammen.
Zwischen Mal-Utensilien, Farben, Killischs Gitarre (die er sich mit 13 selbst gebaut hat), Fotokopien mit Haar-Motiven und Verweisen auf das legendäre Musical „Hair“, das Killisch in Budapest sah, finden sich die Verweiszeichen einer großen romantischen Passion: ein Foto des 1939er Band-Busses der Pranksters, von denen Tom Wolfe in seinem Buch „ The Electric Kool-Aid Acid Test“ berichtet. Dieses Buch gilt heute als "Neues Testament der Hip-Mythologie". Aus den „Merry Pranksters“ gingen Grateful Dead hervor. Die Band mit damals außerweltlich-gigantomanisch erscheinenden Lautsprecher-Türmen. Der Bus ist ein in Leuchtfarben glimmendes Ungetüm mit einem Kühlschrank, in dem immer LSD-Orangensaft stand.
Schwimmt man bei Killisch weiter auf seinem Bildertrip begegnet man Bob Dylan, Pink Floyds „Atom Heart Mother“ mit dem in alle Ewigkeit tropfenden Wasserhahn. Ein Foto aus dem Paris von 68 bringt ein bisschen Trittschall auf Straßenpflaster herein. Jedes visuelle Versatzstück dient als Demonstration einer Lektion in Sachen Rockgeschichte.
Das Foto eines anderen Busses hat Killisch in Woodstock, wo dieses Vehikel immer noch steht, selbst geschossen. Nun findet es Verwendung in der hiesigen Installation und, teilweise übermalt, in einem von Killischs Bildern.
Wer genau hinschaut, entdeckt Killischs Bekenntnis zu Künstlern des 19. Jahrhunderts: zu Blake, Füssli und Moreau. Aber genauso zum Jugendstil und zur Cover Art, zu James Last und zu Woodstock. Mit seiner unlinearen Montage hält sich Killisch alle Türen offen.
Was uns Klaus Killisch in sechs gestalteten Räumen vorstellt, ist ein Gesamtkunstwerk über Hippietum, Hippiekultur und seine Zeit und die daraus resultierenden heutigen Momente des Alltagskulturellen.
Die Hippies fielen nicht über Nacht vom Himmel, aber 1965 wurden sie erstmals als echte Jugendbewegung erkennbar. Die wichtigsten „Psychedelic“-Rockbands wurden gegründet. Wir ließen ihre Schallplatten in den Dederon-Beuteln unserer Großmütter aus West-Berlin einschmuggeln oder erhandelten sie für hunderte von Ost-Mark aus schwarzen Quellen, als indische Pressungen in Ungarn oder auf Märkten in Polen, von jugoslawischen Gaststudenten und marokkanischen Vertragsarbeitern. In der aufkeimenden Szene von Haight-Ashbury entstanden The Grateful Dead, Big Brother & The Holding Company und Jefferson Airplane, auf dem Strip in Los Angeles Love, die Byrds und die Doors. In New York unternahmen die Fugs und Velvet Underground erste Gehversuche. In Ost-Berlin hießen diese Bands ein paar Jahre später Vai Hu, Freygang, Engerling oder Zuma.

Anfang der 70er konnte man Paisley-Muster auf Postern und in Heimarbeit genähten Klamotten in Polen finden. Der Stodola-Club in Warschau und der Fekete-Club in Budapest wurden erschüttert vom halligen Klanggewaber völlig durchdrehender Gitarren, die nach dem Einmarsch der sowjetischen Panzer in Prag von ihren Musikern wie Maschinengewehre gehalten wurden.
Das Ganze fühlt sich bei Klaus Killisch an wie eine Schauer über den Rücken jagende Improvisation oder Fantasie über das Thema „Tune in, Turn on, Drop out“, um eine Zauberformel Timothy Learys zu reaktivieren. Killisch offeriert uns eine umfangreiche Datenmenge, die Reproduktion des eigenen Künstlerstudios als Schaffens- und Traum-Raum. Manche Räume sind aber auch reine innerkünstlerische Mischungen. Man könnte sagen: Montagen, Collagen, Samplings.
Denn von Anfang an flicht Killisch, Plattencover, Postermotive, Songtexte und Sounds in eigener, manchmal ziemlich eigenwilliger Zusammenstellung in den Lauftext eines Bildes, eines Raumes bzw. der Ausstellung selbst ein, was seine eigene Perspektive illustriert, verdichtet und erklärt, zugleich aber auch all den zitierten Elementen eine Einordnung gibt, die man als Hörer, Betrachter und Pop-Kenner sonst nicht ohne weiteres nachvollziehen könnte.
Solch ein Konzept ist sowohl fröhliche Kulturwissenschaft wie auch offensiv durchdrungene Malerei.

Klaus Killisch ist Klang- und Zeitgeistübersetzer, Interpret von Songs und Seelentexturen, einer, der nicht nur Hammond-Orgel, sondern mit der bildlichen und verbildlichenden Verstärkertechnik spielt, selbsterklärter Grenzdurchbrecher im Medium Malerei, alter Junge am Mischpult, mit keinem Sound zufrieden, Hinwegsetzer über Diskurshoheiten, Gegengewicht zur Popkritik, Experimentator, einen Schritt voraus.
Auf dem Weg zum Jazz mit Miles Davis, mit Czes?aw Niemen im Taufbecken ostkirchlicher Gregorianik, in Sessions mit den polnischen Star-Bands SBB, im symphonischen Kitsch auf Tour mit den Magyaren von OMEGA.
Was im Westen die ruhelose Abfolge chemisch generierter Schlaf- und Wachphasen war, war im Osten eine tagelange Alkohol-Strecke, die es galt mit Bier und Wodka zu überwinden.
Der Treibstoff der 60er Jahre ist, bei aller linker Zukunftshoffnung, die Hervorbringung des Nicht-Totalitären, des Nicht-Faschistischen wie des Nicht-Stalinistischen. Aber was ist das? Killisch charakterisiert es als ein In-farbigen-Gefühlen-Auf-und-Abtauchen, Schweben, in der Auslöschung des Ideologie-Körpers des 20. Jahrhunderts, fernab von den Schattenseiten Altamont, Black Panther und Charles Manson, die die Hippie-Hoffnungen zunichte machten, weil sie „dem Gehorsamkeitskörper rassistischer, klassenkämpferischer und terroristischer Blöcke und auch dem Zurichtungs-Körper der sozialistischen Überzeugungs-Euphorie«, wie Klaus Theweleit sagen würde, zuarbeiten.

Dass Klaus Killisch sich heute auf diesem Level verortet und entfaltet, ist die Konsequenz aus diversen Suchbewegungen seit den 80er Jahren, mit denen er die einfachsten und die größten Gefühle zu erfassen sucht. Von seinen Ich-süchtigen, expressiven, farbstrotzenden Stadtbildern über den Kunst-Blumen-Romantizismus bis zur Flower-Power-Seligkeit war es immer nur ein kleiner Schritt auf der Emotionsskala.
Doch Killisch ist kein Verklärer. Er hat sich sein offenes Denken bewahrt. Hier und da stoßen untergeschobene Metaphern vom Zusammenbruch der Realität dem Betrachter ins Auge. Die Rückkehr des Realen hinterlässt deutliche Spuren. Traum trifft auf Katastrophe. In dem Bild „Carcrash“ macht Killisch Caspar David Friedrich zum Hohenpriester einer „Gescheiterten Hoffnung“.

Christoph Tannert
Katalogtext "DON'T LOOK BACK", 2007

Es dürfte schwer sein, einen Berliner Malerkollegen in Killischs Alter zu finden, der so wenig der Vergangenheit nachhängt und so sehr der Gegenwart und Zukunft zugewandt ist. Der sich für alles zu interessieren scheint, was die Malerei bereichern könnte. Wie kaum ein anderer bildender Künstler hat Killisch Malerei als über Farbe und Leinwand hinausweisendes kombinatorisches Medium begriffen und seit Anfang der 90er Jahre durch die Einbeziehung von „Fremdelementen“ weiterentwickelt. Mit Elan verbindet er Partikel aller möglicher Kunstformen und Genres, verkettet Literatur mit Popmusik mit Kunstgeschichte mit Modefotografie. Eine Hierarchie der Künste gibt es für ihn nicht. Er sieht jedes Bildelement als Teil eines unendlichen Erzählflusses und setzt immer wieder an, die Kluft zwischen High and Low zu schließen.
Klaus Killisch komponiert malerische Strophen für Bildräume mit spezifischem Raumklang.
Seine Erfahrungen aus dem tönenden Alltag, aus Mobilität und Kommunikation geboren, werden collagiert und remixed. Vom Künstler fotografierte Motive, aus dem Bilderberg der Werbung Herausgegrabenes und Extrahierungen aus dem Internet bilden die grob gerasterte Tapete für seine malerischen Exkursionen.
Es überrascht, mit welcher Genauigkeit Cover (als die Werbeverpackungen für Musik) und schwarzes Vinyl (als umgewerteter Klangträger wie als skulpturales Element) als Emotionen und Erinnerungen bindende Spielmasse aufgerührt, in Farbe gebadet, neu zusammengesetzt und augenzwinkernd einem dekorativen Flow überantwortet werden – „From Hair to Eternity“. Wenn Killisch Schallplatten und Schallplattenhüllen in seine Bilder einklebt, hört man, wie sich unter der Oberfläche die Tracks noch einmal neu und zugleich retro-ornamental mischen.
Die über die Wand schäumenden Bildwellen sind eine Hommage an einen hochprozentigen Cocktail, unter dem eine Traurigkeit lauert aus Zeiten, als man seinen Kummer über Ausweglosigkeiten noch mit zuckrigen Partygetränken betäubte.
Mit jedem Bild, vom surrealen Basiskomfort in „My studio“ (2006) über die lebensgierigen Leinwände „Feel so good“ und „I’m a girl“ bis zu der 20-Blätter-Serie „Krieger und Helme“ (2007), in der die Triumphsymbolik des Berliner Barock und Andreas Schlüters expressive Drastik mit Kate Moss’ Model-Coolness verschmilzt, öffnen sich neue Klänge, neue Fenster auf neue verborgene Details und Zusammenhänge.

Dieses environmentale, zum Gesamtkunstwerk tendierende Inszenieren, enthebt den Betrachter der „bürgerlichen“ Haltung des gegenüberstehenden Beobachtens. Angesichts eines durch farbrauschende Wandabwicklungen emotionalisierten Kunstraumes bedeutet Rezeption hier Im-Werk-Sein, in einer künstlichen Umgebung zu schwimmen wie ein Fisch im Wasser.

Man darf Klaus Killisch ein subversives Einbettungsbewusstsein bescheinigen: einbettend, weil er auf einer Klaviatur spielt, die längst die Grenzen zwischen klassischer Boheme und Mainstream überwunden hat, subversiv, weil er im Bereich der raumgreifenden Malerei ein unerwartet subjektives Mikromilieu kreiert hat. Diese Konzeption ist wie ein Kassiber, sie schmuggelt Ideen von der Interieur-Industrie des 20. Jahrhunderts in den Gegenwartspop ein. Sie funktioniert im Club genauso gut wie in der Galerie, sie ist anspruchsvoll, ohne kompliziert zu sein, vor allem aber ist sie nicht denkbar ohne all die Kenntnisse und Kommunikationen (auch mit Musikern und Dichtern), die in sie eingeflossen sind.
Es sind solche Freundschaftsnetzwerke, in denen momentan weltweit die interessanteste Kunst entsteht. In Kooperationen mit Freunden wird noch hart am Material experimentiert, hier zirkuliert das Wissen am freiesten, weil keine Galerie, sondern der wechselseitige Respekt über Chancen und Risiken entscheidet. Man weiß, wem man vertrauen kann und wem nicht, man setzt auf Kreise, die weitere Kreise ziehen, hilft sich gegenseitig und organisiert sich in sogenannten Projekten. Von den staatsabgewandten Aktionen aus dem Prenzlauer Berg der 80er Jahre bis zu gegenwärtigen Formen der Zusammenarbeit mit Mikael Eriksson, Tania Segas und Sangare Siemsen mit denen Killisch das bild- und soundgestützte working project „playin’“betreibt, sowie dem Dichter Robert Fitterman, mit dem Killisch kürzlich die gewaltkritische Bild-Klang-Text-Collage „WAR . the musical“ (siehe www.magnetberg.de) fertiggestellt hat, war es nur ein kleiner Schritt.

Armin Hauer
Katalog, "Arbeiten auf Papier" im Museum Junge Kunst, Frankfurt/Oder, 2005

Mit dem Erwerb des Ölbildes »Der Raucher« aus dem Jahr 1987221 schenkte der Maler großzügig der Grafiksammlung fünf Lithografien mit dem Entstehungsjahr 1989. Einige Jahre später fand eine weitere Arbeit Eingang in den Sammlungsbestand. Doch dieses Werk – »Schatten der Leidenschaft« (1995) – weist schon einen hintergründigen, lapidar-ironisch dekorativen Stil auf, der mit dem vom Ende der Achtzigerjahre auf den ersten Blick nicht viel gemein hat.222 In der Endphase der DDR, kurz nach seinem Studium 1986 an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee, fand Klaus Killisch rasant und vor den staunenden Augen der Kunstszene zu einer Bildsprache, die kraftvoll expressiv ihre Herkunft aus den Urgründen des deutschen Expressionismus nicht verleugnete, doch zudem ebenso die Erkenntnis einer postexistenziellen Lebenshaltung aufwies: die eigene Anwesenheit ist belanglos für die Gesellschaft, doch dramatisch für den Einzelnen. Vincent van Gogh (1853–1890), Edward Munch (1863–1944), Ernst Ludwig Kirchner (1880–1938), Francis Bacon (1909–1992), der frühe Otto Dix (1891–1969) sowie der junge Georg Baselitz (1938) und die West-Berliner Stadtindianer der Neuen Wilden (u.a. Rainer Fetting [1949] schienen sich als gute Geister verzweifelter Menschen- und Seelensucher in seinem Atelier eingenistet zu haben. Einige seiner Protagonisten wirken nicht selten in ihrem zeitlich befremdlich zelebrierten Outfit (Hut, Mantel, Zigarettenrauch) so, als seien sie aus den Werbetafeln für Filme und Zigaretten der Fünfzigerjahre entsprungen. Sie zitieren ein Männlichkeitsideal, das in seiner Absurdität und Hohlheit eine große Projektionsfläche für den Betrachter bereithält: Der Mann als einsamer Steppenwolf im feindlichen Gegenwartsland. Nun wird er eingezwängt in extrem verdichtete Bildschichten und seine Körpersprache ist die einer sinnentleerten Selbstbehauptung, die in ihrer Drastik emotionale Extreme beim Betrachter hervorruft. In jener Zeit ergeben sich zwei wesentliche Bildtypen, die ebenfalls in den Druckgrafiken erscheinen. Der erstere tendiert in Richtung einer plakativen Statuarik (der wiederum der ungemein kräftige Duktus unheimliche Wucht verleiht und einer Oberflächlichkeit entgegenarbeitet). Der zweite Typ treibt in Richtung turbulenter, explosiver Ausbrüche aus dem Bildgeviert.

In der Druckgrafik konzentriert sich Killisch noch stärker als in den pastosen Ölbildern auf die Figur. Hier taucht auch wieder das Motiv des Rauchers auf. Es ist kompositorisch sehr eng an das oben erwähnte Bild aus dem Jahr 1987 angelehnt. Nur, bedingt durch die Technik an sich, entweicht die weiße Rauchform nach links und gibt der Zeichnung so eine eigenwillige Dramatik. In drei weiteren Drucken greift er auf bekannte klassische sowie romantische Bildtypen zurück. In seinem »Laokoon« ist die mit der Schlange ringende Priestergestalt ohne Söhne gleich dem tödlichen Angriff ausgesetzt (?) und »Der Wanderer« wendet sich von uns ab. Er geht ungelenk, aber bestimmt fort; auf seinem Rücken ist gleich einer Zielmarkierung ein Kreuz angebracht. (Der Zeitbezug zur großen Flüchtlingswelle 1989 ist nicht zu übersehen, allerdings ist der Wanderer ein einsamer und nicht einer von Tausenden, die im Sog einer Hass- und Jubeleuphorie mittreiben.) In der fünften Lithografie wird ein männliches Gesicht mit einer farbigen Flamme bedeckt; vier Wolken bilden einen profanen Heiligenschein. Auch hier zitiert Killisch in einer fast als beiläufig zu bezeichnenden Art und Weise die große Pathosformel vom prometheischen Helden, der sich des Feuers bemächtigt, um damit etwas Gutes anzustellen. Nun kehrt sich die Situation fast bis zur bizarren Groteske um: die Flamme bedroht den Akteur, der nicht mehr Herr der Lage ist und durchs Feuer sein Gesicht verliert.

Ebenso etwas Unerwartetes, das traditionelle Bildgeschehen zerbrechend, geschieht auf dem nebenstehend abgebildeten Steindruck. Er ist eine eigenwillige Paraphrase auf das berühmte Blatt aus der Radierfolge Los Caprichos (1797–99) von Francisco de Goya (1746–1828) »Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer«. Der kahlköpfige Mann (seine Physis ähnelt der des Künstlers) befindet sich mit seiner gebrochenen Körperhaltung in einem hoch dramatischen Moment: Schreiben und Schreien ereignen sich zugleich und kulminieren in einem Laut- und Schriftgekröse, das mehr den Mann zu ersticken droht, als dass es ihn von seiner Seelenpein befreien würde. Es gibt keinen Schlaf der Vernunft und keine Geburt der Ungeheuer – fast zweihundert Jahre später geben sich Edward Munchs Existenzschrei und Baconsche Körperdrangsale ein Stelldichein. Der Tisch wird zur Richtstatt und das Licht – es stürzt förmlich aus einer scharfkantigen Sonne – ist das Fallbeil.

Christoph Tannert
zur Ausstellung in der Galerie Pohl, Radio 3, RBB 16.9.2003

Wer glaubte, er sei gegen den Malbrei und gegen das Gewäsch der halbseidenen Transformationsgenies in der Kunst immun, bei Klaus Killisch wird er erneut aufgeschreckt mit farbigem Alarmton und einer Keilrahmenansammlung seltsam hypnotischer Dauerbrenner. Klaus Killisch bereits Ende der achtziger Jahre ein Spezialist großer Formate, dessen kluge Selbstironie den leuchtenden Hintergrund für die Höhenflüge in echtes Pathos und heroische Selbstentblößung abgab, er malt immer noch mit Lust an der Collage und der Verrührung des scheinbar Gegensätzlichen.
Wenngleich wir seit gut hundert Jahren den Zusammenstoß sich gewöhnlich im Leben eher selten begegnender Materialien in der Kunst kennen und schätzen, so vermag Klaus Killisch doch mit bis zu gut drei Zentimeter fett auf die Leinwand aufgetragener Acrylfarbe, in die er Schallplatten und fotographische Bilder in Form von grob gerasterten schwarz-weiß Kopien einarbeitet, außerdem kleine Parfumpröbchen, eine Achterbahnfahrt durch die wirkliche Unwirklichkeit anzuzetteln, die einem das Herz flattern lässt.
Gleich rechter Hand in der Galerie hängt ein zwei mal zweifünfzig Meter großes Superformat, das ein mit Farbe umspültes Portrait der amerikanischen Rockfeministin Liz Phair zeigt, deren Aufstachelung zu weiblicher Selbstbestimmung in dem Song Fuck And Run punkige Formen gewann. Klaus Killisch liebt die rüden und zugleich melancholischen Songs dieser Künstlerin, wie er überhaupt immer auf der Suche ist nach Rasierklingen auf Gänsehaut. Seine Bilder freilich baden mögliche Schmerzempfindungen in farbigen Wohlfühlklängen, fluten die in Moll gepufferten Herzkammern mit Schönheit. Nach seinem Arbeitsansatz gefragt, antwortet Klaus Killisch:
...Ich habe für mich festgestellt; diese Bilder sind mein spätes coming out als Punker. Als Künstler ist für mich Collage interessant. Ich arbeite immer gerne mit Materialien die für unsere Zeit stehen. Dazu gehört die Musik, also die Schallplatte, die es leider nicht mehr gibt. Und Mode gehört auch dazu. Sie ist etwas, in der wir uns versuchen auszudrücken und darzustellen...
Die Funktion der Mode, der Moderne besteht darin, Vergänglichkeit für den Moment blendend zu überspielen. Mode zeichnet Zeit bemerkte Yoshi Yamamoto. Dieses Zeichnen der Zeit und das gilt auch für die Bilder von Klaus Killisch, ist das Gegenteil etwa von Chanels Einfangen des Zeitgeistes. Killisch webt neue Sinneinheiten, in dem er Photos aus der Welt der schönen Körper und der obszönen Materialisierung in Farblachen badet und punktuell mit dem glänzenden Schwarz und der ins Auge stechenden Kreisform der Schallplatten kontrastiert. Worum es geht kann ganz einfach auch mit den Titeln und Interpreten, so wie sie auch auf dem Innenrund der Schallplatten erscheinen ausgesagt werden. Wer von Bild zu Bild zieht wird sich einen eigenen Reim drauf machen, etwa: planet funk, feel the music, in fünfzig Jahren ist alles vorbei, peppermint jam, paradise. Mit seinen Bildern bietet Klaus Killisch den perfekten remix auf den Kult um die Körperaußenfassade, auf die Sounds der Subversionen, wie auf schlechten Geschmack. Bewusst farbintensiv und in der Acryl gestützten Überflutung nostalgischer Rückgriffe auf die siebziger Jahre arbeitet Klaus Killisch ohne ein Gramm Haschisch an der psychedelischen Grenzüberschreitung.

Gabriele Muschter
aus der Rede zur Ausstellungseröffnung im Kunstsalon VISTA, Berlin, 7. April 2003

Kunst macht Spaß. Kunst macht Ernst.
Kunst lehrt genießen. Kunst lehrt erkennen.
Kunst ist Leidenschaft. Kunst ist mehr als nur der schöne Schein.
Das alles und noch viel mehr trifft zu auf die Arbeiten von Klaus Killisch.

.....
Kunst macht ernst
Die großen Bilder haben etwas Traumatisches, Realität und Vision fließen ineinander über.
Kraft und Empfindsamkeit schließen sich nicht aus. Die verarbeiteten Schallplatten auf der Fläche assoziieren einen Abschnitt im Zeitalter der Technik, der abgeschlossen ist. Setzt Killisch der Schallplatte eine Art Denkmal oder mehrere? Nicht abgeschlossen ist die Erscheinung des Menschen, sein Wille, die Welt zu beherrschen, sie zu verändern, seine Gedanken, Wege zu immer neuen Erkenntnissen, mitunter auch von Leere und Konsumsucht überlagert.
Wie Klaus Killisch auf die Reihe der Bilder mit Geldstücken und Parfümproben gekommen ist, habe ich kurz in der Ankündigung zur Ausstellung beschrieben: Der Sammler kam mit einem Sack voll Geld in das Atelier und eben jenen Parfüm-Probefläschchen, die Sie verarbeitet auf den Bildflächen sehen können. Der Künstler sollte einen dreiflügligen Altar dazu/daraus entwickeln. Er tat es. Der Sammler kaufte das Auftragswerk und Killisch ist von der Idee so fasziniert, dass er weiter daran arbeitet – für sich selbst anderes hinzufügt.
Ein Bild, das mir besonders vor Augen geblieben ist, trägt den Titel "Perfume" und fällt eigentlich aus dem Duktus der übrigen heraus, es ist leichter, schwebender. Die Formen assoziieren eine phantasierte Szenerie. Killisch verwandelt Farbe und Licht in Körper. Das Bild regt den Tastsinn der Augen an. Die Sehnsucht nach Grün, die sich nach den langen Wintern einstellt, korrespondiert mit den Gesten der Figuren im Bild, die bei näherem Hinsehen übrigens gar nicht so romantisch sind, wie sie zunächst erscheinen – sie schreiten gerade zum Duell. Die Körpersprache in den Arbeiten von Klaus Killisch hat prophetische, mitunter dramatische Dimension. Daß der Künstler einmal entdeckte Motive mehrfach aufgreift und daraus immer anderes entwickelt, können Sie an dem Vergleich des großen Grünen Bildes in der Küche sehen – Titel "Perfume" und der blauen Serigrafie mit gleichem Titel. Beiden Arbeiten liegt eine Romantik vergangener Zeiten zu Grunde – die Kavaliere, die großen Gefühle, die Zeit, die damals noch viel langsamer lief und Leidenschaften erlaubte, indem man sie auslebte. Wer beschäftigt sich heute schon noch mit Leidenschaft, wer erfährt sie? Und was bedeutet Leidenschaft im 21. Jahrhundert?

Kunst lehrt genießen
Welcher Art ist dieser Genuß? Es ist in erster Linie das Sehen. Das Sehen der Farben, das augenscheinliche Ertasten der Körper, die Gedanken, die sich daraus ergeben, die Phantasien, die sich für jeden anders entwickeln, weil jeder aus einem anderen Erfahrungshintergrund kommt. Vielleicht auch die Frage nach dem Sinn des Lebens und der Art des Genusses – was macht ihn aus?
In dieser Ausstellung ist es u.a. die Assoziation von Farben, Formen, die sich zu Klänge und Düften verdichten. Sie alle kennen das: Man hört eine Musik, ein Duft schwebt vorbei und es stellen sich Erinnerungen an sehr persönliche Erlebnisse ein. Damals ist das Zauberwort , indem man dann für eine Zeit gefangen ist.
Genießen hat nicht unbedingt mit Luxus zu tun, es kann eben auch das tiefe Erleben eines guten Gesprächs, das Lesen eines Buches, der Besuch einer Theateraufführung, das Trinken eines Glases Wasser sein. Und hier ist es eben das Sehen der Bilder, das In-Sich-Aufnehmen von Farben und Formen im Kontext zum Raum.

Kunst lehrt erkennen
Erkenntnis – der alte, immer neue Traum der Menschheit. Die Sehnsucht nach Erkenntnis. Was erkennen wir über die Arbeiten von Klaus Killisch? Die Macht der Bilder?
Die Unabhängigkeit des Individuums oder seine Anpassung an die ihn umgebende Welt der Dinge? Reflexionen über Identität oder Erkenntnis der rein körperlichen Erscheinung? Das rhythmische Schlagen eines imaginären Tonstudios – zwischen alten Platten, neuen Bildern und ihrem collageartigen Zusammenfügen, übereinandergelagerter Formen.
Ein besonderer Erkenntnisprozeß ergibt sich über das große Collage-Gemälde "Siemsen" im hinteren Raum. Aus kräftiger Farbigkeit und ebensolcher Kompositionsfreude werden sehr verschiedene, lebendige Durchblicke deutlich. Über die Transparenz legt der Künstler mitunter eine Farbschicht, um neue Geheimnisse aufzutun und gleichzeitig zu bewahren – ein Bild, das sich nach und nach erschließt und doch nie alles preisgibt.
Kunst ist Leidenschaft
Und Leidenschaft heißt sich tabulos zu begeistern, hinzugeben ohne zu kapitulieren. Da gibt es die getriebene Leidenschaft, wie man sie in dem Bild mit dem Titel "Sehnsucht im Herzen" oder die stille Leidenschaft, ablesbar an dem blauen Druck im Flur "pago, pago". Dann ist da die Leidenschaft, die der Künstler braucht, um überhaupt seine Werke hervorbringen zu können. Kommt es über ihn oder ist es ein starker Wille?
Die collageartigen Bilder wirken wie in einem großen Rausch gemalt, sozusagen in einem Guß entstanden. Die einst abgelichteten Körper werden auf eine andere Ebene gebracht durch die gestische Malerei und ihre expressive Farbkraft, ihre raumgreifende Formsprache.

Kunst ist mehr als nur der schöne Schein
Erfahrungsgemäß verstehen wir unter Schönheit ja alle etwas anderes, wenn wir davon sprechen.
Zu den im wörtlichen Sinne schönen Bildern gehören für mich:
Das große grüne Gemälde "Perfume", die blauen Serigrafieblätter "Perfume" und "Pago, pago". Aber auch die Reihe der Tonbilder haben jedes für sich gesehen einen besonderen Reiz, eine Ästhetik, die mir sehr nahe, weil einfach im Sinne von klar ist...

Prof.Dr.Brigitte Rieger-Jähner, in Sammlungskatalog des Museum Junge Kunst Frankfurt (Oder), 2001

zu dem Bild
Schaffen der Leidenschaft, 1995
Öl, Acryl, Kunstblumen, Neonröhren auf Leinwand
280 x 465cm, erworben 1996

Die Kunst der Postmoderne, die seit den 60erJahren mit der Vielfalt von Gestaltungskonzeptionen unseren modernen Gesellschaftsbedingungen entspricht, ist kaum noch überblickbar. Dass es bei dem gleichberechtigten Nebeneinander der unterschiedlichsten stilistischen Haltungen schwierig ist, die Spreu vom Weizen zu trennen, erklärt sich schon daraus, dass die Merkmale postmoderner Ästhetik sowohl bei den epigonalen Mitläufern als auch bei den die Traditionen eigenständig verarbeitenden Künstlern zu finden sind. Letzteren gelingt das nur schwer zu Verwirklichende: Stilkonzepte der Vergangenheit aus subjektiv heutiger Sicht zu hinterfragen. Und so treten immer wieder Künstler an die Öffentlichkeit, die sich mit ihren Werken von der Beliebigkeit eines variantenreichen Zitierens und Konterkarierens der Kunstgeschichte abzusetzen verstehen und mit optisch nachdrücklicher Vehemenz auf sich aufmerksam machen. Die Bilder von Klaus Killisch besitzen diese Eigenwilligkeit. So weiß er mit traumwandlerischer Sicherheit die Balance bei der »Doppelkodierung« von Elitär und Populär, Alt und Neu zu halten und diese auf seinen Bildern spannungsvoll miteinander zu verbinden. Aber auch Begriffe wie »Mythologisierung, Nostalgie, Prunk, Ritualisierung, atmosphärische und detailgenaue Erzählfreude», mit denen sich das vielgestaltige Bild von der Postmoderne zusammenfassen lässt, bestimmen sein Schaffen. Die genannten Merkmale, die bereits in der Kunst der Romantik zu finden waren, sind möglicherweise der Grund dafür, sein Schaf-fen immer wieder mit dieser Bewegung in Verbindung zu bringen. Der Romantik durchaus vergleichbar, wird so auf seinen Gemälden ein Lebensgefühl vermittelt, das den Widerspruch von Idee und Wirklichkeit optisch erkennbar werden lässt. Besonders nachdrücklich weist darauf sein großformatiges Gemälde »Schatten der Leidenschaft« hin. Unerklärliche Ereignisse und Kräfte konfrontiert der Künstler hier miteinander, die an den Mythos von der Unvereinbarkeit der Geschlechter ebenso denken lassen wie an die dominante Stellung des Mannes in diesem Kampf. Auf die unangefochtene Position als Herrscher weisen seine statisch zentrale, bildbestimmende Stellung sowie die scheinbare Stabilität seiner Haltung hin. Den Gegenpol hierzu bildet die laszive und labile Haltung der Frau, die ein dynamisierendes Zeitmoment in die Unabänderlichkeit der Szene bringt.
Das untrennbar miteinander Verbundensein und das gleichzei-tige voneinander Wegstreben, dieser nicht zu lösende Widerspruch, wird hier als aktuell gebliebener Mythos in Szene gesetzt. Auf das nicht Alltägliche weisen aber darüber hinaus auch der pathetische Grundgestus der Figuren wie der schattenrisshafte Vereinfachung der Form sowie die Farbigkeit hin. Die aquarellhaft aufgetragene Öl- und vor allem die Acrylfarbe sowie deren Reduktion auf wenige Töne zwischen Grau und Schwarz und die nur angedeuteten und gering verwandten Rosé- und Violetttöne verstärken die atmosphärisch irreale Stimmung des Bildes. Doch entlarvt sich das unerklärlich Geheimnisvolle, wie z. B. der Schat-tenriss im rechten unteren Bilddrittel, letztlich als eine unver-zichtbare Gestaltungskomponente, das ein kommpositionell spannungsvolles Gegengewicht zur linken Bildseite bildet. Diente in der Romantik die Landschaft nicht selten als Hintergrundmotiv des Figurenbildes und wurde darüber hinaus zugleich zur Ge-fühlskulisse für die Dargestellten, ist in dem Gemälde von Kil-lisch selbst auf eine Andeutung hiervon verzichtet worden. Statt des landschaftlichen Umraumes wurden auf der frei belassenen Hintergrundfläche die Pappform eines Hutes mit gezeichneter Krempe ins Bild geklebt und auf diesen noch zusätzlich ein Strauß von künstlichem Grabschmuck montiert. Während sich über den reliefhaft in den Raum schiebenden Körper die flächige Zeichnung einer Gardine abhebt, sind darunter drei Leuchtstoffröhren montiert worden. Die intensive farbige, technoide Leuchtkraft dieser Röhren bildet aber nicht allein einen inhaltlichen Widerspruch zum Bildgeschehen, lassen sie doch an das laut bewegte Leben in den Diskotheken denken. Ihre kräftige rote, grüne und gelbe Strahlkraft wird zugleich vom Künstler als stakkatohafter Farbkontrast genutzt. Eine kühne Kombination bietet sich unserem Auge dar, verbindet Klaus Killisch doch die Dramatik des Geschehens mit einer lyrisch poetischen Formensprache sowie mit dem mythisch zu deutenden Gehalt und realen, simplen Alltagsgegenständen zu einem stimmigen Gesamtornament. Doch erweist sich dessen Inhalt nicht als logisch kausale Erzählung mit eindeutigem Sinn. Vielmehr wird durch den gestalterischen Dissonanzreichtum der schnelle Wechsel von widerstrebenden Empfindungen nachvollziehbar gemacht, von denen unser Alltag bestimmt wird.

Nicole Heusinger
Auszug aus Eröffnungsrede in der Galerie Herzog, Leichlingen, 2001

...Seine phantasiebegabten Episoden scheinbar nächtlichen Traumwelten entsprungen, breiten sich vor unseren Augen in tatsächlicher und überaus sinnlicher Präsenz aus. Von den Rängen der Zuschauertribüne aus nehmen wir eine spärliche Bestückung des Bühnenraumes wahr. Im Hintergrund ein tiefliegender Horizont in gräulich-blasser Einfärbung, eine Landschaftsidylle irgendwo im Süden, wenn nicht die schwarze untergehende Sonne auf das nächtliche Unheil hinweisen würde. In der Mitte nun agieren die Protagonisten des Stückes, in dem fahlen Licht sich nur als dunkle Silhouetten abzeichnend. Man glaubt beinahe das leise Rauschen des Wassers zu hören, die Ruhe vor dem Sturm.

„Fest im Griff“ lautet der Titel des dreigeteilten großformatigen Bildes und Titelgeber dieser Ausstellung. Fest im Griff scheint zudem das Verlangen des geflügelten Wesens auszudrücken, dessen Tatzen versuchen, sein Gegenüber mit bösem Atem zu umklammern. Titel sind bei dem Berliner Künstler Klaus Killisch allerdings nur geheimnisvolle Andeutung. Doch weist in dem Fall der Titel zurück auf ein früheres Werk von 1992. In dem Bild „Alles im Griff“ zeichnen sich ebenfalls zwei silhouettenhafte Figuren vor tiefgrünem Grund ab. Hier erkennt man in dem umklammernden Wesen deutlich die Züge und Attribute der ägyptischen Sphinx, der Sage nach ein zwittriges Ungeheuer mit dem Unterleib eines Löwen und dem Haupt einer Frau. „Ödipus und die Sphinx“ ist auch eines der Hauptwerke des französischen Symbolisten Gustave Moreau, welches Klaus Killisch zu einer ganzen Reihe von Zeichnungen und Bildern angeregt hat. Die mythologische Figur der Sphinx ist der Inbegriff der weiblichen Schreckensgestalt, die jedem Vorbeiziehendem den Eintritt nach Theben zur lebensbedrohlichen Prüfung werden ließ. Nur Ödipus vermochte es, ihr Rätsel zu Lösen und damit das Ungeheuer in die Unterwelt zu verbannen. Mit dem Betreten Thebens nimmt jedoch die weitere Ödipussage ihren unheilvollen Lauf.

Die sparsam ausgestattete Kulisse der Szenerie gemahnt an die Ursprünge des Theaters, welches nicht vom Totenkult zu trennen ist. Sich schminken bedeutete, sich zugleich als toten und lebenden Körper zu kennzeichnen. Und somit ist die Sphinx auch Sinnbild der gefährlich lockenden Sinnlichkeit, die den Mann ins Verderben zieht. Leidenschaft, Liebe, Sexualität, Verrat, Tod, liegen hier dicht beieinander und sind das Thema in vielen Arbeiten des Künstlers. Ähnlich einer Bühneninszenierung akzentuiert er die Choreographie der Handlung durch grelle Lichtstreifen. Unterschiedliche farbige Neonröhren markieren Brennpunkte. Gleichsam holen sie das antike Thema zurück in die Gegenwart, ins Hier und Jetzt, indem sie wie das aufgesetzte Kunstblumengewinde den Raum des Betrachters besetzen.

Vieles ist angedeutet, nichts wirklich ausgesprochen. Gekonnt kleidet Klaus Killisch die gleichnishafte Szene in ein kraftvolles, zeitgenössisches Gewand. Auf das Wesentliche reduziert er die Bildsprache, lässt die beiden menschenähnlichen Figuren als abstrakte Schattenerscheinungen auftreten, deren tiefes Schwarz die Urgewalt des Malens in sich aufnimmt. Zeichenhaft Stilisiertes, hier ist es das Blattwerk des Baumes, verbindet die Malerei mit den zahlreichen Zeichnungen, die wiederum jedes seiner Bildthemen vorbereiten. In ihnen fokussiert er den Blick stets auf die Haupthandlung der späteren Gemälde. Weitaus abstrakter sind in ihnen das Figürliche zu feinen Liniengeweben oder ovalen Formationen verdichtet. Man liest die gedankliche Konzentration des Künstlers, den direkten Auswurf der Ideen. Es gibt keine Farbe, die vom Eigentlichen ablenken könnte. Denn ihr Einsatz bestimmt letztendlich die hitzige Atmosphäre des Inhalts.

Einen ganz anderen künstlerischen Ausgangspunkt nimmt Klaus Killisch bei seinen aktuellen Arbeiten, die sich um das Thema Film drehen. Aus Filmplakaten schneidet er zunächst eine größere Partie aus, umspannt damit einen Keilrahmen und bemalt sie mit Ölfarbe. Es ist keine komplette Tilgung des Untergrundes, keine Ausblendung des ursprünglichen Motivs, sondern eher eine Überblendung durch eine andere Szene. Einzelne Fragmente von Wortfetzen oder Bildteilen schimmern durch, tauchen teilweise sogar als chiffrierte Zeichen wieder auf. Das Medium der Collage, fast immer eingesetzt als journalistisches Mittel der Malerei, wird zum Bild-im-Bild Prinzip. Miteinander verwoben geben beide Bilder schließlich deckungsgleich einen Inhalt zum Besten. In „NOS“ stellte Klaus Killisch das Plakatfragment auf den Kopf und ließ die übriggebliebene Buchstabenreihe von ELSON zum spiegelbildlichen Titel seines Bildes werden. Ein strahlend gelbes Flugzeug ist am Horizont zu erkennen. Es breitet seine Flügel über dem darunter liegenden See aus rot-orangenem Saft aus. Eine romantisch anmutende Meereslandschaft in der Abendglut eines zuvor heißen Tages, oder täuscht auch hier die Idylle? Zwei nicht ganz so ungleiche Welten korrespondieren miteinander, die des Kinos und die der Phantasie des Künstlers. Beides imaginierte Visionen einer fremden Geschichte, aber immer auch die Sehsüchte und Erfahrungen eines jeden Betrachters berührend. Sie sind ähnlich auffordernd in Szene gesetzt wie die glühenden Bildbeschreibungen, die im Kopf von Till Eulenspiegel herumspuckten. Nur, dass das Filmplakat als reines Werbemedium stets das Massenpublikum beabsichtigt anzusprechen. Anhand eines unmissverständlichen Formenvokabulars lässt es den zu erwartenden Inhalt begehrenswert und interessant erscheinen.

Bei Klaus Killisch paart sich dieses stilistisch Plakative hingegen mit einer sehr privatisierenden Intimität. Einem Merkmal, welches allen seinen Arbeiten anhaftet. In einer derart pulsierenden Stadt wie Berlin, in der er seit vielen Jahren schon lebt, sind es vor allem die ganz persönlichen Alltäglichkeiten, die seine surrealen Bildthemen beeinflussen und sich in seinen expressiven Malgestus einschleichen. Jean-Christoph Ammann hat die Tätigkeit des Künstlers im allgemeinen sehr treffend umschrieben, indem er sagte, dass dieser ein Forscher sei, der über ein bildnerisches Denken eine bildnerische Sprache entwickle. Als Forscher besitzt er die Freiheit, in postmodernistischer Manier Altes mit dem aktuellen Zeitgeist anzureichern und den Blick auf die Welt facettenreich zu gestalten. Demnach ist das mythologische Werk von Klaus Killisch immer zugleich auch ein Gleichnis für aktuell Erlebtes, ein „Salto rückwärts nach innen“, wie Ende der 70er Jahre der Spiegel über die anbrechende wilde Malerei in Deutschland urteilte.

Dieser intensive Blickwinkel des Künstlers Klaus Killisch nach innen, sein kulturelles wie biographisches Gedächtnis schafft Raum, der in unserem postindustriellen Zeitalter, in welchem Entfremdung und Identitätsverluste neue Dimensionen annehmen, uns gestattet, uns wieder zurückzulehnen. Bei all den Veränderungen und Umwälzungen tut es gut, Konstanten wiederzuentdecken, unsere eigenen Empfindungen vielleicht sogar beantwortet zu finden, und einfach nur Verweilen zu können im Schauen und Betrachten einer farbenfrohen, fabulierenden Malerei.

Gisold Lammel
Katalogtext, Sammlung Seitz, 1999

Klaus Killisch, Eleve der Berliner Kunsthochschule, ist ein Proteus, der in viele Richtungen geht und gemäß seiner Befindlichkeit Bilder schafft, die einen eigenen Beitrag zur Berliner wie generell zur jüngeren deutschen Kunst darstellen. Gleich nach Beendigung des Studiums hat er sich mit einer Reihe neuexpressiver Bilder hervorgetan, die mit enormer Wucht und aufschäumender Emotionalität die damalige soziale und politische Krisensituation reflektieren und heftiges Aufbegehren signalisieren. Mit der Wiedervereinigung brach diese rebellische Kunstkonzeption ab, da wurden nun andere Bezugspunkte in der Kunstgeschichte gesucht. Einige Orientierungspunkte fand er in der Malerei und Zeichenkunst der Deutschrömer des 19. Jahrhunderts, namentlich der Nazarener und Joseph Anton Kochs. Daneben verarbeitete er Anregungen, die von Werken William Blakes und Johann Heinrich Füsslis ausgingen. Nun war Killisch an einer Kunst mit verhaltener Konfliktverarbeitung und mehr meditativem Charakter gelegen. Eine Zeitlang fügte er farbige Neonröhren in großformatige figurative Kompositionen, die formale Akzente setzten und durch magische Lichtführung den zeitfühligen Ausdruck betonten. Andrerseits bildeten sie im Bildkontinuum bewußte Störzonen. Zudem gelangte er in den 90er Jahren zu großformatigen ausgeschnittenen, beidseitig farbig gestalteten Figuren mit melodisch fließendem Umriß, die Kraft und feste Bodenhaftung vermitteln sowie Nachdenklichkeit und Sichbesinnen ausdrücken.
In der Sammlung Seiz befinden sich vier großformatige expressive Gemälde aus den Jahren 1988/89, die jene kurze, aber sehr ertragreiche Schaffensphase gut repräsentieren. Der Terminus Neuexpressionismus für die sich dort darbietende Auffassung und Gestaltungsweise greift zu kurz und trifft nur partiell zu. Killisch ließ sich für seine emotional aufgeladene Ausdrucksweise weniger von Expressionisten, sondern vielmehr von der Bildsprache zur Werbung der ersten Jahrhunderthälfte anregen, und zwar besonders von leuchtkräftigen Emailschildern mit heute skurril anmutenden Darstellungen. Des weiteren hatten ihn Comics fasziniert, und nebenbei bemerkt, hat er gelegentlich auch selbst Bildergeschichten gezeichnet. Sein damaliges Schaffen ist vielfältig der zeitgenössischen Unterhaltungskunst verbunden, was auch so mancher Bildtitel erkennen läßt. Was aber seinen spielerischen Umgang mit Elementen aus der Werbung anbetrifft, so hat er zwar erhebliche Metamorphosen erfahren, sich jedoch bis in die jüngste Zeit fortgesetzt. So lebt er beispielsweise in einer Reihe von Collagen aus Ouelle-Katalog-Materialien fort, die er zu ambivalenten Figuren gefügt und dabei brillante Farbkombinationen und vielgestaltige Strukturen mit surrealen Bildwirkungen verbunden hat.
Das früheste Gemälde Killischs in der Sammlung Seiz ist der ?Mondsüchtige", ein Aufschreiender vor nächtlichem Himmel, eine kräftige Gestalt, die aus dem niederziehenden Schatten aufbrechen und den Rahmen des gedrungenen rechteckigen Formats sprengen will. Grell aufleuchtendes Gelb durchfährt die breite Brust und assoziiert die ,,brennende Seele", die er auf einem Bild von 1989 zeigte (Bild im Besitz des Künstlers). Aber nicht nur den Rebell, sondern auch den ein Doppelleben Führenden hat der Künstler hier ins Bild gebracht und damit das Problem der Zweigesichtigkeit von Menschen in der Gesellschaft aufgegriffen. Ein weiteres Gemälde der Sammlung, ,,Ohne Titel", führt eine halbfigurige prometheische Gestalt vor Augen, die innerlich zerrissen, die aufgestaute Wut herausschreit. Ein Gebilde aus aggressiven, messerähnlichen Formen dringt schneidend von dem Rebell in den bedrängenden, bedrohlichen Bildraum. Der ?explodierende" Mensch ist in der damaligen Kunst wohl nirgends eindrucksvoller verbildlicht worden. Solche vulkanartigen Ausbrüche der Emotionen waren großenteils der Endzeit in der reformunfähigen DDR geschuldet, und die Situation inmitten des Prenzlauer Bergs, wo sich Killischs Atelier befindet, war dazu angetan, Unmut und Zorn auf die Leinwände zu schleudern. Ein Beben von Gedanken und Gefühlen erfaßt auch das Bild "Tango bis es weh tut", wenngleich hier die Deutungsmöglichkeiten größer sind. Der gelbe Grund, loderndes Rot und schneidiges Schwarzweiß erfüllen den Bildraum und erinnern an soziale Spannungen und Konflikte. Zu dem vierten Bild in der Sammlung Seiz hat sich Killisch von Nick Caves ?Bad Seeds" wie auch von van Goghs "Sämann" inspirieren lassen. Von dem Motiv schuf er mehrere Varianten, in denen er mit den Ausdruckswerten der Farbe experimentierte.
In zeitlicher Nähe zu den Arbeiten in der Seizschen Sammlung sind auch das Gemälde "Blue velvet" und das "Teutonisches Bild" (beide im Besitz der Berlinischen Galerie) entstanden, auf denen er Wolfsmenschen als Sinnbilder vertierter Menschen darstellte. Sie kehren häufig auch in nachfolgender Zeit in seiner Bildwelt wieder.

Ulrich Clewing
aus Katalogtext, Dogenhausgalerie, 1996

Es ist eine Tragödie, oder besser: eine TRAGOEDIE - so steht es auf einem der Gemälde von Klaus Killisch. Die Szenerie, die man dort sieht, erinnert an ein Bühnenbild: spärlich angedeutet die offene Architektur, eine südländische Loggia, vielleicht die Veranda einer Villa im Golf von Neapel. Im Hintergrund schaut man auf eine nächtliche Landschaft, erkennt schemenhaft eine Felsküste, einen See (das Meer?), in dem sich fahles Licht spiegelt. Zwei Figuren (männliche, weibliche? - man weiß es nicht so genau) treten auf: Die eine lasziv hingestreckt, scheinbar im Raum schwebend, schlafend oder in wollüstiger Vorahnung entkräftet. Die Zweite ist bloß als dunkler Umriß wahrzunehmen. Sie springt die erste an. Ihr rechter Arm ist hoch erhoben, die Faust umklammert ein spitzes Schlaginstrument. Was ist es, das sich da anbahnt? Eine Gewalttat? Ein Liebesakt?

Die Bilder von Klaus Killisch sind umgeben von einer rätselhaften Aura. Sie erzählen von Begierde und Leidenschaft, von Eros und Macht, vom Kampf der Geschlechter und einem verlorenen, fernen Arkadien. Das nimmt zuweilen durchaus heitere Züge an. Killisch dekoriert seine Gemälde mit Blumenblüten und anderem lieblichen Ornament. Doch dieses Schmuckwerk ist aus Plastik. Die Unschuld ist ein für alle mal dahin. In dem Gemälde ,,Tragoedie" von 1994 betonen farbige, auf der Leinwand angebrachte Neonröhren die Brennpunkte des Geschehens. Das kühl und künstlich strahlende Licht tut ein Übriges: Die Sehnsucht nach unbeschwerter Sinnlichkeit, sagt Killisch, sie ist in sich gebrochen, ist nur noch ein Abglanz, ein Ideal aus zweiter Hand. Anregungen für seine Bilder holt sich Killisch bei den Künstlern, die ihn faszinieren: es sind die neoklassischen, symbolistischen Maler des ausgehenden neunzehnten Jahrhunderts wie Anselm Feuerbach, Arnold Böcklin und Gustave Moreau. Was ihn dabei besonders interessiert, ist das Pathos des fin de siecle, der Anspruch der großen Geste, die doch ihr eigenes Scheitern von Anfang an in sich trägt. Killischs Vorbilder waren, obwohl beim Publikum überaus erfolgreich, zu ihrer Zeit im Grunde schon hoffnungslos veraltet. In dem Rückgriff auf Themen aus der griechischen Mythologie stemmten sie sich mit aller Gewalt gegen die Zeichen der Industriegesellschaft. Diese Gratwanderung zwischen Verweigerung und Opulenz, zwischen Bildungsbürgertum und Kitsch, bildet den Nährboden für Killischs Kunst. Dabei übernimmt Killisch die Bildmotive seiner Vorbilder nicht sklavisch genau. Er greift lediglich hier und da einzelne Elemente auf, bestimmte Kompositionen, Körperhaltungen. Von den Figuren sind nur Umrißlinien geblieben, von der einst üppigen Farbigkeit nur Düsternis, durch einige grelle Schlaglichter erhellt. Der Rückgriff auf die Malerei des neunzehnten Jahrhunderts hat hier nichts von Nostalgie. Killisch bedient sich aus dem Fundus der Kunstgeschichte, aber er huldigt ihm nicht. Für ihn gibt es kein Zurück mehr.

In seinen neuesten Arbeiten hat Killisch das Fragmentarische auf die Spitze getrieben. Er hat die Erdenmenschen, Halbgötter und Fabelwesen, die seine Bilder bisher bevölkerten, auf dünne Holzplatten gemalt, anschließend ausgesägt, und direkt im Raum verteilt. Damit erreicht der Künstler zweierlei: einmal gewinnen die Figuren an physischer Präsenz. Sie sind nicht mehr ,,nur" Malerei, sondern erscheinen ein wenig näher ans Leben gerückt. Zum anderen offenbaren sie durch diesen Zugewinn an Lebendigkeit ihre eigentliche Existenz als künstlicher Konstrukt nur umso deutlicher. Es ist das alte Paradoxon - der Kunst schlechthin.

Eugen Blume
Katalog "Klaus Killisch", Dresdner Bank, 1993

Zwölf Uhr mittags im verlorenen Paradies
Malerei von Klaus Killisch

Die Bilder von Klaus Killisch sind in mehrerer Hinsicht eine Provokation und haben allein damit eine Qualität, die man Malerei kaum noch zugestehen mag. In der Malerei scheint alles gesagt und jede Innovation paraphrasierende Kunstgeschichte.

Der vierunddreißigjährige Maler aus Berlin inszeniert auf großformatigen Tafeln ein Figurenspiel, dessen Intention dem Betrachter zunächst verschlossen bleibt, selbst wenn er den verlockenden Verbalien der Titel Folge leistet. Der Literat assoziiert das Bühnenbild, wenn er das sparsame Ambiente als Kulisse deutet, und findet sich in dem Bild ,,Macbeth" bestätigt. Allein die aufführenden Figuren sind als Malerei hineinverwoben, ihr Auftritt ist nicht angesagt, sondern bereits in vollem Gange. Sie taugen nicht für die Bestimmung des Aktes, der Szene im Mörderdrama. Dem Versuch ihrer Aktualisierung als Ränkespiel der Herrschenden werfen sie neutralisierend die Banalität der Kunstblumengebinde entgegen. Der Griff nach dem hohen Thema bleibt im Gedächtnis und wird Bild für Bild erneuert. Nirgends wird Alltägliches verhandelt, der nächste Akt bereits lagert die Gestalten in eine mythologische Szenerie. Mit pathetischer Geste versuchen sie die Wiedergeburt ihrer Glaubwürdigkeit. Woher aber kommen und wen agitieren sie?

Ein Gemälde trägt den lakonischen Titel ,,Feuerbach“ und setzt uns auf die Fährte der kunsthistorischen Anleihe. Aber als postmodernes Echo auf einen Secondhand-Klassizismus im antiken Gewand würde das Spiel alsbald langweilig. Wenn es ohnehin nur den Theoretiker reizte, der, die Tiefe auslotend, mit dem Vorwurf der Trivialität die Würfel im Becher ließe, bliebe der Sinnbegierige auch auf der Strecke. Killisch hat die Malkultur eines kulinarischen Expressionismus, der sich an der Binnenstruktur aufrichtet, wenn der Text abbricht, beiseite gelegt. Wo legen wir nun die Anker aus? Als Maler sieht Killisch in Feuerbach, Blake, Füssli oder Redon die Wegbereiter, deren Erfindungen er bewundert. Er hütet sich aber vor dem Plagiat. Killischs große Wandbildformate nähern sich Feuerbachs detailschwerer Monumentalmalerei ,,Gastmahl des Platon". Das Thema verdichtet er holzschnittartig auf den Grundgestus. Er befreit Feuerbach von aller formalen und inhaltlichen Überfrachtung. Wohin aber führt dieser Weg? Besonders zwei Bilder scheinen den Schlüssel zu liefern: ,,12 Uhr mittags" und ,,Verlorenes Paradies".

Highnoon läßt Gary Cooper in Hollywoods staubiger Mittagssonne der Entscheidung entgegenziehen. Genau um 12 Uhr bindet ihn Killisch als heiligen Sebastian an die ausgedörrten Äste der Dorflinde. Plastikpflanzen und Früchte erweisen ihm die letzte Ehre, Kunstblumen umranken den Nimbus. Das Pathos zerbricht, der Held verendet vor einer Tapete aus amerikanischen Gazetten. Nirgends ist ein Held erbarmungsloser desavouiert worden als in diesem Bild. Ein Sakrileg? Es ist der heilige Sebastian und nicht der Marshal!

Die Romantik, die Klassizität des Deutschrömers Feuerbach vor 120 Jahren, dieses Scheitern als Anregung, ist zumindest ungewöhnlich, und doch führt es präzise in die geistige Situation der Gegenwart. Die Utopien des 19. Jahrhunderts, noch vor kurzem hoffnungsvoller Bestandteil aller Zukunftsentwürfe, entschwinden als schillernde Kunstblumen am Horizont. Als wacher Zeitgenosse ist sich Killisch bewußt, wie lächerlich der ernsthafte Versuch, sich der Harmonie Feuerbachs zu unterwerfen, in einer Welt wirken muß, die schon lange Platon die Fleischtöpfe und Fruchtkörbe versagt. Und was vermag schon Malerei? Killischs surreale Titelgabe enttäuscht alle Hoffnungen auf eine Message. Der Ruf ,,Brand an allen Ecken" trifft auf die Klausur des Philosophen, der dem Schüler, antikisch gewandet, die Richtung weist. Die blaue Stunde vollendeter Geistigkeit schien nahe, holten uns nicht der geöffnete Körper, die wie Fühler herausragenden Aorten und die leise Melodie der Kunstblumen in die Gegenwart zurück. Und die Vertreibung? Allmählich mißtrauen wir dem klassischen Topos. Die martialischen Engel verschließen die Pforten, der sündige Mann schaut zögernd zurück, die Frau strebt davon. Die verbotene Frucht als gefälliges Sortiment des V(olks)E(igenen)B(etriebes) Kunstblume Sebnitz bleibt an den Baum genagelt. Die Paradiese sind endgültig verloren.

Christoph Tannert
Katalog "Junge Künstler der DDR und Kubas", 1988

Blue Velvet" im Herzen Berlins. Der Horrortrip eines jungen Mannes in einer amerikanischen Kleinstadt, empfunden als persönlicher Alp und inszeniert mit brennenden Farben in einem Bild des Malers Klaus Killisch. David Lynchs psychologischer Grobzeichner mit Kitsch-Appeal nun im Gewand des alltäglichen Heimkinos. Wo hört der Film auf, wo beginnt die Realität...? Das bewegte Filmbild mit dem bunten Breitwandblick, angehalten in einem malerisch aufgeglühten Standbild mit Blick auf die Lust- und Meuchelserien in den eigenen vier Wänden. Das ist nicht gerade typisch für den in Berlin herrschenden Stil, der, obwohl er ein Stilpluralismus ist, doch weitgehend Abstand hält vom heftigen Gefühlsausbruch. Nicht so Klaus Killisch. Der junge Maler, der seine akademische Ausbildung an der Berliner Kunsthochschule erhielt, begann gleich nach Beendigung seines Studiums mit leidenschaftlichen Ausmalungen eines Wechselbads der Emotionen. Killisch arbeitet an den Variationen unerfüllbarer Erwartungen und an einem Stück gelebter Erfrischungen. Geheimnisvolle Stimmungen wechseln mit schwebender Melancholie, aber so manche Bildfigur benimmt sich auch wie in Goldwyn Mayers Film-Vorspann. Dann dirigiert ein Brüllen die visuelle Rhythmik des Bildes oder das Donnern der ,, Easy Rider" zwingt den Pinsel in die Unerbittlichkeit einer Alles-oder-Nichts-Position. Der im Gespräch so vorsichtig tastende und eher mit stiller Entschlossenheit reagierende Maler scheint allein und bei geschlossener Ateliertür einen immer von neuem provozierten Kampf gegen taubstumme Telefone und den fauligen Atem der Lethargie mit klatschenden Pinselschlägen zu führen. Die brutale Borniertheit und bockbeinige Philosophie der Schreib-, Stamm- und Küchentische läßt er zusammenprallen mit der sie umschließenden Ausweglosigkeit. Realität oder Traumszenario? Deckenläufer flüchten, Wände spielen verrückt. Steinerweichende Ohnmacht ringsumher. Wer den Mund aufmacht, verliert auch noch seinen Mageninhalt. Sprache stirbt, während die Sprechblasen den Himmel stürmen. ,,Raucher" nennt Killisch seine letzten Volltöner, deren Wissen um die Funktionsweise des Bumerangs zum schlechten Gewissen verkommen ist, das sie nun „5 nach 4“, im Sprung übers Treppengeländer oder auf dem Grund eines Schnapsglases zu vergessen suchen. Killischs Bilder wollen keine Angst machen, beileibe nicht, aber sie sind doch von jener seltenen Eindringlichkeit, die ein in einer Hosentasche beerdigtes Herz gut zum Flattern bringen kann. Zuweilen hat das aus den Mündern quellende wattige Geschlamm auch die Konturen sich ständig wandelnden Psychoplasmas, das ausbricht aus geschändeten Astralleibern im Glanz des Blutes und des Mondes, wovon wir wissen, es aber nicht verstehen.
Killisch fixiert seine Bilder in klarer Gegenständlichkeit, das heißt-soweit es seine an Farbe und Wirklichkeit des Malmaterials orientierte Malweise zuläßt. Aber gerade diese Deutlichkeit, mit der er uns in eine Vielzahl von Paradoxien verstrickt, wirkt mysteriös und verstörend: Werwölfe, Bad Brains, Humphrey Bogart-Imitationen, Kain und Abel, der Heilige Christopherus, Judith ,,Kopf ab" und der Rest des trunkenen Holofernes, Mondsüchtige und jene Gestalten mit den so schwer zu identifizierenden Realitätspartikelchen vorm Mund - ein Ensemble von Unheimlichen stellt Killisch uns da vor. Und es ist klar, das sind Bilder, die sich nicht literarisch, sondern nur aus einer atmosphärischen Dichte erklären. Auf jeder neu aufgespannten Leinwand mißt Klaus Killisch die ihn so real bedrängenden Zeiten der Schatten, Schrecken und Begierden neu. Bereits in Kunst eingegossene Erfahrungen anderer fließen über Filme, Rockmusik und Literatur ebenso in dieses Wechselspiel aus Fragen und Antworten ein, wie Illustriertenfotos und die Bilder emaillierter Werbetafeln aus der Vorkriegszeit (,,Burger Stumpen", 1987), von denen Killisch ein paar gesammelt hat. Die Macht dieser lebenden Bilder färbt Killisch mit dem begnadeten Sandpapiertimbre von Tom Waits, oooh, drunk on the moon!, oder zwingt sie unter den Symbolismus Cave'scher Lyrik. Ein so klar aufgebautes Bild. wie ,,Das Mondgesicht" (1987), hat neben den selbstporträthaften Zügen körperliche Intensitäten, die mich an die quälerischen Einsamkeitsexzesse der BIRTHDAY PARTY erinnern. Hilfslosigkeit, Aggression und Aufbegehren mischen sich in einem Energiepaket das, optimal unter Kontrolle einer von Verwirrung geprägten zivilisatorischen Situation wie ein lakonisches Fazit entgegenschlägt.
Klaus Killischs Umgang mit Malerei erfolgt in gezielt ausgelösten Eruptionen und mit kalkulierten Methoden der Suggestivität - ganz egal, ob diese einem bewußten oder eher affektiven Impuls entsprechen. Flächige Arrangements und Staffelungen bilden das Gerüst, in dem Dingwirklichkeiten und Killischs Erinnerungen an sie mit leuchtenden Farben vernetz; werden. Die in den 80er Jahren in der DDR-Malerei wieder stärker ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückte Erkenntnis daß Form sich auf ein Motiv, aber immer auch auf die Malerei selbst bezieht, findet bei Killisch ihren Niederschlag in pastos, manchmal fast reliefartig strukturierten Farbkrusten und Rinnsalen, die nur den Bestimmungen der Malsubstanz und den Verlockungen und Verwirrungen auf den Innenwegen der Künstlerpsyche folgen.
Mit Heiterkeit (,,Zähneputzer",1987), bizarr im Ausdruck (,.Durchhänger", 1987), manchmal voller bitterer Ironie; gleich darauf mit Trauer (,,Im Cafe",1987) zwingt sich Killisch durch den Bodensatz seiner Seele. Giftblaue Nachthimmel, die jedem Zyanometer den Todesstoß versetzen, bergen gefallene Riesen, Trinker und Outdrops. Im Kontrast dazu der sonnenblumenfarbene Grund manch anderen Bildes. Das sind keine Gegensätze, eher festliche und mit einem Anflug von Romantik illuminierte Stimmungsbögen –„...dem Auge ein Fest"! (Delacroix)
Killisch nimmt seinen Egotrip über die Auf- und Abgänge unseres Seins, die an den Grausamkeiten in den Kulissen vorbeiführen. Mit enormer Selbstbeherrschung, locker und fast gelöst hält er seinen Pinsel wie Rasiermesser in der Welt zu sehen, welche Darstellungsweisen, welch hochgepäppeltes Pathos, welch Wirklichkeitsgebräu sich wohl an ihnen riebe. Neben der Norm hat er ein Spiegelkabinett errichtet, in dessen Sehräumen die farbig Träumenden zu Hause sind, wie SYD BARRETT und seine neuseeländischen Nachfahren in dessen Hörräumen.